Interpretation: Die Ermordung einer Butterblume

Für Alfred Döblin ist die Natur eine beseelte, dem Menschen ebenbürtige, gar überlegene Kraft. Immer wieder versucht er, sich mit ihr zu messen und immer wieder scheitert er: „Im Dunkeln auf einen Pfad flüchtend, merkt er bald, dass sich der Weg sonderbar verengt, als ob der Wald ihn in eine Falle locken wolle. Die Bäume treten zum Gericht zusammen.“

Der Großstädter lebt entfremdet und entwurzelt von seinen natürlichen Ursprüngen. Er ist weit entfernt davon, die Krone der Schöpfung zu sein: „Vor die Blumen war er gesprungen und hatte mit dem Spazierstöckchen gemetzelt, ja mit jenen heftigen aber wohlgezielten Handbewegungen geschlagen, mit denen er seine Lehrlinge zu ohrfeigen gewohnt war, wenn sie nicht gewandt genug die Fliegen im Kontor fingen und nach der Größe sortiert ihm vorzeigten.“

Die Geschichte lebt von ihrem exzentrischen Protagonisten. Döblin vollzieht nach, was in einem Kriminellen vorgeht. Auch dieser Text steckt voll witziger Einfälle: „Mord begangen an einer erwachsenen Butterblume, auf dem Wege von Immenthal nach St. Ottilien, zwischen sieben und neun Uhr abends [...] Herr Michael Fischer erschauerte wüst über seine eigene Tollkühnheit, er hätte sich nie für so verworfen gehalten! [...] Als er rechnete, bestand er am nächsten Vormittag unerwartet darauf, dass er der Butterblume zehn Mark gut schrieb. Er erschrak, verfiel in bitteres Sinnen über seine Ohnmacht und bat den Prokuristen, die Rechnung weiterzuführen.“

Die Geschichte steckt voller Gesellschaftskritik. Fischer ist ein verklemmter Angstbeißer, der unter sadistischen Fantasien leidet, die sich mit Sentimentalität und Dummheit abwechseln. Er besitzt keine ausgeprägte Persönlichkeit, kein Rückgrat, er ist nicht lernfähig. Kaum ist die Schuld an der ermordeten Butterblume abgetragen, wendet er sich neuen Morden zu.

Döblin schreibt aus auktorialer Perspektive, er befindet sich sowohl in der Innen- als auch in der Außenwelt Fischers. Die Geschichte ist surreal, erinnert an Franz Kafka und seine Geschichte über den Junggesellen Blumfeld, der nach Hause kommt und mit zwei Pingpongbällen konfrontiert wird, die auf dem Boden auf und abspringen und sein Leben völlig durcheinander bringen. „Er büßte, büßte für seine geheimnisvolle Schuld. Wie ein Gewissen sah die Blume in seine Handlungen, streng von den größten bis zu den kleinsten alltäglichen.“ Typisch sind syntaktische Umstellungen wie „Über den Weg flogen Stiele und Blätter“ oder „In die Brust warf sich Herr Michael Fischer“, die zugleich den schalkhaften Ton der Erzählung unterstreichen.