Wolfgang Borchert / Biographie

Von Marlies Schwochow M.A.

„Sehr geehrter Herr Borchert, ich habe das Stück ‚Draußen vor der Tür’ und Ihr Buch ‚Die Hundeblume’ mit wirklicher Erschütterung gelesen ... die Stärke Ihrer Sachen ist, man hätte sie auch aus dem Papierkorb in irgendeinem überfüllten Bahnhofs-Wartesaal herausklauben können, sie wirken nicht wie ‚Gedrucktes’, sie begegnen uns, wie uns die Gesichter der Leute oder ihre Schatten in den zerbombten Städten begegnen. Ihre Welt ist wirklich bis ins Unheimliche, Ihr Talent ist echt. ... Werden Sie nur gesund – Sie haben noch viel zu tun!“

Aus dem Papierkorb eines Wartesaals? Ein ungewöhnliches, originell formuliertes Lob für eine Literatur, die so sehr die Essenz des Erlebten und Erlittenen vermittelt, dass man glaubt, hautnah die Realität zu spüren. Der diese Worte am 14. November 1947 an Wolfgang Borchert schreibt, welcher sterbenskrank im Clara-Spital in Basel liegt, ist der Dichter Carl Zuckmayer. Sechs Tage später – am 20. November 1947 – ist Wolfgang Borchert tot. Er ist nur 26 Jahre alt geworden.

Wolfgang Borchert, neben Heinrich Böll einer der bedeutendsten Autoren der sog. „Trümmerliteratur“ – Literatur, die die schrecklichen Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs zu bewältigen suchte – wurde am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren. Sein Vater, Fritz Borchert, war Organist und Volkschullehrer an einer Volksschule in Hamburg-Eppendorf; seine Mutter Hertha, geborene Salchow, machte sich als Heimatschriftstellerin einen Namen. So war ihm, wenn man will, in einem gewissen Sinn das Schreiben in die Wiege gelegt worden.

„In ernsten Dingen nicht immer ernst genug ...“
Kindheit und Jugend in Hamburg

Wie war Wolfgang als kleiner Junge? Ein fröhliches Kind, bisweilen übermütig; er freute sich über gelungene Späße. Er lachte gern, auch später. Seine Mitmenschen gut beobachten konnte er. Und sein Vater berichtet, dass sein kleiner Sohn nicht so gern etwas vorgelesen bekam als lieber etwas erzählt, etwas frei Erfundenes, vorzugsweise Tiergeschichten.

Ein besonderes Talent jedoch war zunächst nicht zu erkennen.

Wolfgang war ein Einzelkind. Seine Spielkameraden waren die Nachbarskinder – besonders sein Cousin Karlheinz Corswandt, ebenfalls Sohn eines Lehrers, der seinen Vetter bewunderte. Wolfgang war in dieser Freundschaft der Führende, vor allem natürlich, was Streiche anbelangte. In ihm wartete die Lust am Lachen, eine geradezu maßlose Freude jederzeit auf ihre Gelegenheit. Ungeachtet seines dichterischen Werks, das durch die Schilderungen des Krieges an Tragik kaum zu überbieten scheint, darf man nicht vergessen, dass Borchert später in Komödien (1941) auftrat, auch im Kabarett (1945).