Friedrich Nietzsche / Biographie

"Einsamkeit – das war der erste, starke Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgroße Mann in seiner überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten Schnurrbart fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen, – sie trug das Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens [...]. Wahrhaft verräterisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besaßen sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick streifen sollte [...] Wenn er sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen und schwinden; – wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen Tiefen."

So schildert Lou Salomé den Eindruck, den Nietzsche auf sie macht. Im März 1882 wirde er auf der Rückfahrt von Sizilien von Malwida von Meysenbug nach Rom eingeladen, dort trifft er die Russin Lou von Salomé, die ihn anzieht, begeistert und die, so scheint es, ihm ein "zweites Dasein" schenkt – es ist Nietzsches großer kommunikativer Aufbruch nach dem Zusammenbruch der Freundschaft mit Wagner. Die Beziehung zu ihr dauert bis November 1882. Lou von Salomé besteht auf ihrer Selbständigkeit; der Versuch Nietzsches, seinen Freund Paul Rée, der bereits selbst in die Russin verliebt ist, um ihre Hand anhalten zu lassen, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Als Nietzsche schließlich von seiner Bereitschaft zu einer 'wilden Ehe' mit Lou erzählt, erwächst ihm in seiner Schwester Elisabeth eine unversöhnliche Feindin. Ihrem Intrigenspiel fällt schließlich die Freundschaft zu Salomé und Rée zum Opfer. Nietzsche flüchtet im November 1882, erst nach Genua, kurz darauf nach Rapallo, wo er den Winter verbringt – den "schlechtesten Winter" seines Lebens. Im Januar und Februar aber erlebt er euphorische Phasen; in nur zehn Tagen entsteht der erste Teil des Zarathustra, auch den zweiten und dritten Teil schreibt er in ähnlich kurzen Perioden (Juni, Juli 1883 in Sils-Maria und Januar, Februar 1884 in Nizza). Der vierte Teil entsteht mit Unterbrechungen im Winterhalbjahr 1884/85 in Zürich, Mentone und Nizza.