Interpretation: Andorra

Max Frischs Parabel Andorra, ein Stück in zwölf Bildern, geht zurück auf eine Sentenz, die sich der Schriftsteller bereits in seinem Tagebuch 1946–1949 notiert hatte: "Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind." Dieses Gebot rückt Frisch in den Mittelpunkt seines 1961 uraufgeführten Dramas. In einem Gespräch mit Heinz Ludwig Arnold 1975 bezeichnet der Schriftsteller sein Stück als Anfängerkurs für viele Zuschauer "in der Beschäftigung mit dem Phänomen Vorurteil, Massenvorurteil". Nicht etwa historische Fakten oder der konkrete Antisemitismus standen für Frisch im Vordergrund, sondern der grundlegende Anspruch, der Zuschauer möge sich selbst und seine Wahrnehmungen auf frischer Tat ertappen. Auch hier wie schon bei "Biedermann und die Brandstifter" nutzt Frisch wieder Elemente des epischen Theaters, um den Zuschauer zu einer aktiven Haltung zu bewegen. So gibt es kurze Zwischenspiele, in denen die wichtigsten Handlungsfiguren zu ihrer Verteidigung vor eine Zeugenschranke treten.

Dass er für den 'Modellfall Andorra' gerade eine jüdische Figur gewählt hatte, wird dem Schriftsteller von vielen Seiten angekreidet. Juden "sind keine Modelle, sie sind keine austauschbaren Objekte beliebiger (und ihrerseits austauschbarer) Vorurteile", kommentierte z. B. der Publizist und Autor Friedrich Torberg. Andererseits instrumentalisieren viele deutsche Zuschauer die Diskriminierungsparabel im Glauben, sich durch fremdes Unrecht von ihrer eigenen Schuld reinwaschen zu können, zeigt Andorra in ihren Augen doch, dass auch andere zu unrechten Handlungen fähig sind.

Im Jahr nach seiner Uraufführung wird Andorra an 48 deutschsprachigen Bühnen aufgeführt. In Konkurrenz zu den neuen Stücken des Dokumentartheaters lässt das Interesse der Theater in den Jahren danach merklich nach, gilt Frischs Stück doch als zu unverbindlich in seiner Aussage. Heute hat sich Andorra als zeitloses Modellstück wieder auf der Bühne etabliert.