Interpretation: Dr. Katzenbergers Badereise

Von Missgeburten und Monstren handelt eines der drei Bücher des Arztes und 'artista' Katzenberger, Titelheld des 1809 erschienenen Romans. Als eigentliches Monstrum aber entpuppt sich bald der Mediziner, Katzenberger selbst. Dass er vorhat, den Brunnenarzt Strykius "beträchtlich auszuprügeln", weil dieser es gewagt hat, seine Werke missgünstig zu rezensieren, bringt die Handlung erst in Fahrt und weckt nichts anderes als die Belustigung des Lesers. Überhaupt ist der Humor eines der auffälligsten Merkmale dieses Textes: der Leser fällt, stolpert über ihn – von Zeile zu Zeile, von Seite zu Seite; Jean Paulscher Wort- und Sprachwitz gehen mit dem eigen- und mutwilligen Doktor eine innige Verbindung ein, und so amüsiert sich der Leser über den satirischen, spöttischen Ton, mit dem Katzenberger über die wohlfeile wie weniger wohlfeile Gesellschaft herfällt, ihre Konventionen entlarvt und sie der Lächerlichkeit preisgibt.

Allererstes Opfer ist Katzenbergers Reisegefährte in der Kutsche nach Bad Maulbronn, der unter dem Pseudonym des eigenen Namens Herr von Nieß allseits bekannte und geschätzte Bühnen-Dichter Theudobach. "Wissenschaft und Poesie – oder Logik und Blumik", beschreibt Jean Paul in den Vorarbeiten zum Roman das Thema. Die Dominanz Katzenbergers erweist sich bald als übermächtig: die geckenhafte Gefühlsschwelgerei des Dichters, dessen Werke nicht Ausdruck eigener Empfindungen, sondern schwülstiges Produkt eingebildeter Eitelkeit sind, gerät in die alles zermalmende Seziermaschine der Katzenbergerschen Logik. Der romantische Mondscheinspaziergang mit Theoda, Katzenbergers Tochter, deren Liebe zu gewinnen Theudobach anstrebt, erfährt auf dem Gottesacker durch den skelettaushebenden Doktor eine empfindliche Störung. Dass Theoda schließlich – als fast unvermeidliches Resultat der Verwechslungskomödie – sich dem wirklichen Theudobach, einem prosaischen Festungs- und Militärmathematiker zuwendet und den blassen, geistig wie körperlich anämischen Bühnen-Dichter verschmäht, ist als vernichtende Niederlage der "Blumik" zu verstehen – und durchaus auch als augenzwinkernde Selbstparodie Jean Pauls.

Katzenbergers Logik trägt, wie bei allen Händeln, in die er während seiner Reise gerät, den Sieg davon; dabei ist sie nichts anderes als ein unter dem Deckmantel des wissenschaftlichen Enthusiasmus getarnter Fanatismus. Ihm alles unterzuordnen erscheint dem Doktor ebenso einleuchtend wie zweckdienlich, und so schockiert er permanent die illustre Badegesellschaft in Wort und Tat. An der öffentlichen Tafel im Bad doziert er z. B., dass er "unter allen Empfindungen keine kenne, die stärker, aber auch grundloser ist, und die weniger Vernunft annimmt, als der Ekel tut" – und garniert seine theoretischen Erläuterungen gleich mit einem Beispiel: "Da ich nun meinen Gästen gern Ausgesuchtes vorsetze: so bot ich einigen Leckermäulern darunter Schnepfendreck, wie gewöhnlich mit Butter auf Semmelscheiben geröstet, an, und zwar so, wie ihn täglich meine beiden Schnepfen unmittelbar lieferten." Über den Verstoß gegen den guten Geschmack der Badegäste und deren Fassungslosigkeit kann der Leser ebenso lachen wie über die gesamte Erscheinung Katzenbergers, über seinen Spinnenverzehr oder seine abstruse Jagd nach Monstrositäten.