Interpretation Betrachtung

Schon als Gymnasiast und während seines Jura-Studiums versucht sich Kafka in den unterschiedlichsten Formen in der Literatur: Er schrieb kleinere Erzählungen, Romanfragmente und sogar Dialoge. Später vernichtet er alles wieder. Innerlich etwas hilflos sucht er nach einer Ausdrucksform, einer Sprache, einer Perspektive, die es ihm gestatten würde, die Wirklichkeit – und das heißt, die von ihm und seiner Generation erfahrene Wirklichkeit – einzufangen und zu gestalten. Unter dem lapidaren Titel Betrachtung veröffentlicht Kafka 1910 eine Auswahl von kürzeren Prosatexten in der von Franz Blei redigierten Zeitschrift Bohemia. Diese Texte sind keine bewusst durchkomponierten Erzählungen, sondern vielmehr Fragmente und lyrische Bruchstücke aus Erzählungen, deren übriges Korpus Kafka wahrscheinlich verworfen hat. Sie halten Augenblicke und Stimmungen sowie die darauf beruhenden Reflexionen fest. In einer stark an den Impressionismus erinnernden Diktion zeigen diese Fragmente ein blasses, fragwürdiges, immer schon sich verflüchtigendes Ich, das sich angesichts des Alltags, des Lebens in der Großstadt und angesichts der Forderungen, die eben dieses Leben in stummer Nachdrücklichkeit an das Ich stellt, sowohl definiert als auch zugleich verleugnet.

Die Texte aus "Betrachtung" haben zunächst nichts gemeinsam. Sie sind eine Art Loseblattsammlung zu verschiedenen Themen (Kindheit, die Begegnung mit Bauernfängern, das triste Dasein von Junggesellen, das gegenseitige Missverständnis zwischen Mann und Frau, Kleidung, Wettreiten, die Sorgen eines Kaufmanns, usw.) und scheinbar sinnlos zusammengewürfelt. Aber diese auch formal höchst unterschiedlichen Texte sind durchweg aus der Perspektive eines seltsam unbestimmten Ichs heraus geschrieben. Und dieses Ich schält sich als das geheime Grundthema dieser offen angelegten Sammlung heraus: ein betrachtendes Ich, das sich innerhalb seiner Betrachtung selbst bestimmen und artikulieren möchte; ein fragendes Ich, das sich in der Fülle der Erscheinungen zu verlieren droht; ein unglückliches, ein melancholisches Ich, das ein der Unendlichkeit des Haltlosen standhält. Dieses Subjekt treibt wie ein wesenloser Pollen durch das Getriebe der Großstadt und wundert sich eigentlich nur, dass es ist.