Interpretation: Kalendergeschichten

Die erstmals 1949 erschienene Sammlung Kalendergeschichten vereinigt eine ganze Reihe von zum Teile viele Jahre vor dieser Veröffentlichung entstandenen Gedichten und Erzählungen und bietet dadurch einen sehr breiten Überblick über das Brechtsche Werk.

Gerade aber die erste der Geschichten – Der Augsburger Kreidekreis – und der abschließende Komplex der Keuner-Geschichten können dabei als in gewisser Weise exemplarisch für diese Sammlung gelten: Das Kreidekreis-Motiv erscheint gleich in mehreren Werken Brechts und die eher nebenbei entstandenen Geschichten von Herrn Keuner haben sich bis heute fast zu einer eigenen kleinen Lehrstück-Gattung entwickelt.

Das Kreidekreis-Motiv

Das Motiv des Kreidekreises geht auf die chinesische Literatur des 13. Jahrhunderts zurück. Dort wird ein Kind, auf das zwei Mütter Anspruch erheben, in einen Kreidekreis gestellt, aus dem es die Mütter herausziehen sollen. Die wirkliche Mutter verzichtet aber, da sie dem Kind nicht wehtun möchte, und wird durch diese Haltung als die echte Mutter erkannt. Ein analoges Motiv findet sich auch im Alten Testament (1. Könige 3,16-28): Dort will König Salomo den Streit zweier Mütter um ein Kind dadurch entscheiden, dass er das Kind mit dem Schwert halbiert und jeder Frau die Hälfte gibt. Während die eine Frau damit einverstanden ist, verzichtet die andere entsetzt – an diesem Verzicht erkennt der weise König die wahre Mutter des Kindes.

Das Kreidekreis-Motiv findet sich in der Literatur mehrfach. So verwendet es Klabund in seinem 1925 uraufgeführten Märchenspiel Der Kreidekreis, in dem der Kreis nicht nur für Gerechtigkeit steht („Gerechtigkeit, sie sei dein höchstes Ziel, / Denn also lehrt’s des Kreidekreises Spiel“), sondern auch ein Symbol der Versöhnung darstellt.

Dieses Motiv findet sich bei Brecht mehrfach. Bereits 1926 erscheint es in einer grotesken Zwischenszene in Mann ist Mann; 1938 spricht Brecht von Plänen zu einem fünischen Kreidekreis, daneben sind einige Fragmente eines Odenseer Kreidekreis erhalten. 1940 schreibt er die Erzählung Der Augsburger Kreidekreis, die in die Kalendergeschichten Eingang findet. Die Handlung spielt in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges in seiner Heimatstadt Augsburg; die Figuren (außer der Hauptfigur des Richters) nehmen bereits die Figuren des Kaukasischen Kreidekreises (1948)vorweg, zu dem sich Brecht auch von Klabunds Stück inspirieren lässt. Im Kaukasischen Kreidekreis verknüpft Brecht die Geschichte der Magd Grusche, die in den Wirren der Revolution ein fremdes, zurückgelassenes Kind rettet, mit der Geschichte um den käuflichen und dem Trunk ergebenen Armeleuterichter Azdak. Als nämlich von diesem der Streit der Magd mit der leiblichen Mutter, die inzwischen ihr Kind zurückfordert, verhandelt werden soll, gelingt es ihm, durch den Kreidekreis die bessere Mutter für das Kind zu erkennen und auf diese Weise Gerechtigkeit walten zu lassen.

Geschichten von Herrn Keuner (Geschichten vom Herrn K.)

Bei diesen zumeist sehr kurzen Texten handelt es sich um insgesamt 87 Erzählungen, die seit 1926 bis zu Brechts Tod, also über mehr als drei Jahrzehnte im Kontext von Brechts Hauptwerken entstanden sind. Diese Erzählungen verfügen in aller Regel nicht über eine Handlung im eigentlichen Sinne, sondern benutzen Handlungselemente zur verfremdeten Darstellung verschiedener sozialer und politischer Umstände und Gegebenheiten.

Die Figur des Herrn Keuner war dabei zunächst eine handelnde Figur, die sich im Lauf der Zeit und ganz im Sinn des epischen Theaters zu einem kritischen Beobachter und Kommentator gewandelt hat. Der Name Keuner (Keiner) verweist dabei auf die Eigenschaftslosigkeit dieser Figur, die nur als denkende Vermittlungsinstanz in Erscheinung tritt.

Veröffentlicht wurden diese Geschichten zunächst (bis 1933) in der Heftreihe Versuche, die auch anderen experimentelle Texte und Szenen enthält. Die nächste Veröffentlichung erfolgte erst 1949 in den Kalendergeschichten, die insgesamt 39 Geschichten von Herrn Keuner enthalten. 2000 wurden in einem Nachlass 15 weitere Geschichten gefunden, die 2004 in die Zürcher Fassung der Geschichten von Herrn Keuner Eingang gefunden haben.