Interpretation: Fluchtpunkt

Der 1962 erschienene autobiographische Roman „Fluchtpunkt" knüpft thematisch eng an die Erzählung „Abschied von den Eltern" an, ist jedoch ein Versuch, das von Weiss dort entworfene Selbstbild zu korrigieren. Endete der „Abschied" mit der Hoffnung „Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach einem eigenen Leben", so nimmt der Autor diese Szene im „Fluchtpunkt" wieder auf und relativiert sie: „In der vergangenen Nacht, als ich im Elternhaus meine Koffer packte, glaubte ich, daß jetzt mein eigenes Leben beginnen würde. Das eigene Leben aber hatte mit der Geburt begonnen, es war ein einziges unmittelbares Leben, in dem es nur ein Fortsetzen gab."

Im Gegensatz zum ahnungsvoll aufgeladenen Text „Abschied von den Eltern", der sich jeder konkreten historischen Einordnung verweigert, zeichnet sich der „Fluchtpunkt" durch konkrete Daten und exakt zu bestimmende Zeitabläufe aus. Der Roman beginnt so gesehen programmatisch mit dem Satz: „Am 8. November 1940 kam ich in Stockholm an." Auch die monologische Erzählstruktur aus dem „Abschied" wird zugunsten eines dialogischen Aufbaus des Textes verändert. Der Autor entwirft Gespräche mit Künstlern, Emigranten und Verwandten, in denen unterschiedliche Positionen gegeneinander gestellt werden und alternative Argumentationen ausprobiert werden.

Weiss versucht in diesem zweiten autobiographischen Text einen verstärkten Bezug zwischen seiner Person und seiner sozialen Umwelt zu konstruieren. Die Entwicklung seiner Ich-Figur erscheint somit nicht mehr als ein rein innerer Prozess, sondern als einer, der an die äußeren politischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten gebunden ist. Dabei scheut er nicht davor zurück, als Autor das Material (= sein Leben) seiner Erzählintention entsprechend anzuordnen und dafür auch historische Fakten zu verändern, etwa die Annahmen der schwedischen Staatsbürgerschaft, die er auf den Herbst 1944 vordatiert.

Zu einer Objektivierung seiner Biographie führt diese Schreibmethode also nicht. Es ist auch nicht Weiss` Ziel. Vielmehr geht es ihm darum, seinem Leben eine richtungsweisende Perspektive zu geben, eben einen Fluchtpunkt zu formulieren. Er möchte zeigen, wie er das Gefühl der Vereinzelung und Verlassenheit überwunden hat und sich stattdessen in die Gemeinschaft zu integrieren begann, um so den Aufbau einer Identität zu vollenden. Im letzten Absatz des Romans heißt es: „Bis ich mich, an einem Spätnachmittag, wiederfand, ... und meine Dimensionen zurückgewann. Ich stand still, ... wußte, wie ich hieß, woher ich kam und wohin ich weiterreisen würde, ... und dies war kein Umherirren mehr, sondern eine bestimmte Bewegung auf der Erdoberfläche ... Die Freiheit war noch vorhanden, doch ich hatte Boden in ihr gewonnen, sie war keine Leere mehr, in der ich im Alptraum der Anonymität lag und in der alle Beziehungen ihren Sinn verloren, es war eine Freiheit, in der ich jedem Ding einen Namen geben konnte. Ich hatte nur den Blickpunkt geändert."