Kurzinhalt, Zusammenfassung: Sonette an Orpheus (1923)

Entstehung:

Der Orpheus-Mythos hatte Rilke schon zwei Jahrzehnte vor der Entstehung der Sonette beschäftigt, denn bereits 1904 verfasst er sein Gedicht Orpheus. Eurydike. Hermes, das sich vor allem mit dem Eurydike-Motiv beschäftigt.

Die ersten 25 Sonette schreibt Rilke in nur vier Tagen, vom 2. bis zum 5. Februar 1922, und den zweiten Teil, diesmal 29 Sonette, nach knapp zwei Wochen Arbeit an den „Duineser Elegien“, vom 15. bis 23. Februar. Durch diese fast gleichzeitige Entstehung der Sonette mit dem zweiten Teil der „Duineser Elegien“ erscheinen sie vielfach als deren Ergänzung und Weiterführung. Es ist deshalb nicht weiter verwunderlich, dass sich zahlreiche Parallelstellen sowohl inhaltlicher und thematischer als auch semantischer, formaler und rhythmischer Art nachweisen lassen.

Gewidmet sind die Sonette der 1919 mit erst 19 Jahren verstorbenen Wera Ouckama Knoop, ihr sollen sie Grab-Mal sein, also eine Art Requiem, was sofort an die bereits verfassten Rilke-Requien (für Paula Modersohn Becker, Wolf Graf von Kalckreuth und den kleinen Peter Jaffé) denken lässt.

Die bereits im Titel angekündigte thematische Folie ist der Mythos um den griechischen Sänger und Lyraspieler Orpheus, Sohn der Muse Kalliope und Bräutigam der Nymphe Eurydike. Eines Tages wird Eurydike von Aristaios bedrängt, flieht und stirbt durch einen Schlangenbiss. Orpheus begibt sich danach in die Unterwelt, um von Hades, dem dortigen Gott, mit Hilfe seiner Melodien die Rückgabe seiner Braut Eurydike zu erbitten. Hades lässt sich schließlich erweichen, stellt aber die Bedingung, dass Orpheus beim Aufstieg aus der Unterwelt vor Eurydike gehen müsse und sich während des Aufstiegs nicht nach ihr umdrehen dürfe. Als aber Eurydike während des Aufstiegs seine Hand berührt, wendet er sich zu ihr um; die Geliebte muss daraufhin zurück in die Unterwelt.

Orpheus wird später, als er in seiner Heimat unerlaubterweise ein ausschweifendes Fest beobachtet, von Mänaden, Anhängerinnen des Rauschgottes Dionysos, gejagt und in Stücke gerissen.

Orpheus erscheint von Beginn als ein Gott, der sowohl Tiere als auch Menschen mit seinem Gesang verzaubert. Als Angehöriger beider Reiche, dem der Lebenden und dem der Toten, kann er, als „bleibender Bote“, auch die Vergänglichkeit überwinden, der der Mensch gerade nicht entrinnen kann.

Der erste Teil endet denn auch mit dem gewaltsamen Tod des Orpheus und mit der Gewissheit, dass sein Gesang überlebt – ähnlich übrigens wie der des Hl. Franz von Assisi am Schluss des dritten Teils des Stunden-Buches.