Annette von Droste-Hülshoff / Biographie

Ebenfalls in Bökendorf lernt Annette einige Jahre später den Mann kennen, dessen Bekanntschaft katastrophale Folgen für sie haben soll: Heinrich Straube, ein, wie Wilhelm Grimm schreibt, "kleiner grundhäßlicher Kerl" von etwas exaltierter Natur und seines Zeichens Schriftsteller. Sie fühlt sich ihm mehr als nur freundschaftlich verbunden. Als sie sich aber dazu hinreißen lässt, dessen Freund August von Arnswaldt ebenfalls ihre Zuneigung zu gestehen, kommt es zum Eklat. Arnswaldt legt ihr ehrliches und leidenschaftlich-verwirrtes Geständnis sofort als Verrat und Treuebruch gegenüber Straube aus. Gemeinsam verfassen sie einen Absagebrief, im weiteren erfährt schließlich die gesamte Familie von diesem ,Fehltritt' der scheinbar so gewissenlosen und unmoralischen Annette. Der Skandal ist perfekt, die junge, den beiden Freunden bei weitem überlegene Dichterin ist öffentlich gedemütigt; was heute als lächerlich erscheinen mag, bedeutet für die junge Droste eine einschneidende Zäsur. Ein ,normales' Leben als Ehefrau mit Kindern zu führen, ist ihr nun verwehrt, gleichzeitig bricht ihre erste dichterische Schaffensperiode ab. Die Gedichtsammlung Das Geistliche Jahr bleibt liegen und wird erst neunzehn Jahre später, 1839, zu Ende geführt; der begonnene Roman Ledwina bleibt dagegen unvollendet.

Erst um 1834 setzt eine zweite kreative Phase ein – in diesem Jahr vollendet sie die beiden Epen Das Hospiz auf dem großen Sankt Bernhard und Des Arztes Vermächtnis. Ansonsten führt sie das wenig aufregende Leben eines adeligen Fräuleins, das den gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommt und sich vor allem um die Mutter kümmert. Einige Reisen an den Rhein – in Bonn lernt sie u. a. August Wilhelm Schlegel kennen – sorgen für Abwechslung, können die engen Grenzen ihres Lebens allerdings nicht durchbrechen. Nach dem Tod des Vaters (1826) zieht sie mit ihrer Mutter ins Rüschhaus, deren Witwensitz.

Im Zeichen der westfälischen Heimat stehen die nächsten Werke. 1837 beginnt sie Die Judenbuche, 1838 das Epos Die Schlacht im Loener Bruch, 1839 schreibt sie den zweiten Teil des Geistlichen Jahrs, religiöse Lyrik, die zu dem Schönsten und Tiefsinnigsten gehört, was das 19. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Zu der Zeit hat sie regen Anteil am dilettierenden literarischen Leben Münsters; im zu Lebzeiten nicht veröffentlichten Lustspiel Perdu! oder Dichter, Verleger und Blaustrümpfe (1840/41) gibt sie ein ironisches Bild davon. Die einzige Ausnahme stellt Levin Schücking dar, der Sohn ihrer früh verstorbenen Freundin Katharina Schücking. Die Droste nimmt sich seiner mit halb mütterlicher Fürsorge, halb Verliebtsein an. Zu dem von Freiligrath und Schücking herausgegebenen Sammelband Das malerische und romantische Westfalen trägt sie Balladen und Erzählungen bei. Daneben schreibt sie drei Kapitel von Bei uns zu Lande auf dem Lande  und unterstützt Schücking bei der Arbeit an seinen Romanen Der Familienschild und Das Stiftsfräulein und träumt davon, an den Rhein zu ziehen und ein freies Schriftstellerleben zu führen – ein Plan, den sie nicht einmal ansatzweise in die Tat umsetzen kann.