Interpretation: Duineser Elegien (1923)

Begriffsbestimmung: Der Begriff der Elegie meint ein zumeist in Distichen (aus einem Hexameter und einem Pentameter bestehender Zweizeiler) verfasstes Gedicht traurigen, melancholischen oder sehnsuchtsvollen Inhaltes. Diese bereits in der griechischen (Solon, Xenophanes) und römischen Antike (Catull, Ovid) verwendete Gedichtform ist in der neueren Literatur vor allem durch Goethe, Hölderlin, Klopstock, Schiller oder eben Rainer Maria Rilke bekannt geworden.

Benannt sind Rilkes Duineser Elegien nach Schloß Duino, das zu Beginn des 20. Jahrhundert im Besitz einer Freundin Rilkes, der Fürstin Marie von Thurn und Taxis war. Auf ihre Einladung reiste Rilke mehrmals nach Duino, und dort beginnt er die Arbeit an diesem Zyklus. Dass die Inspiration zu den Elegien tatsächlich auf seinen Aufenthalt auf Schloss Duino zurückzuführen ist, lässt sich an der Widmung zu diesem Buch ablesen, denn dort heißt es: „Aus dem Besitz der Fürstin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe“.

Die Arbeiten an den Elegien werden zwar auf Schloss Duino begonnen, nicht aber abgeschlossen. Trotz mehrerer Ansätze in den folgenden Jahren (1913 und 1915) kann Rilke die Elegien zunächst nicht weiterführen; erst nach Überwindung seiner eigenen Schaffenskrise können die Elegien 1922, während seines schöpferisch außerordentlich wertvollen Aufenthalts in Muzot, vollendet werden.

Zum Verständnis der Elegien

1. Elegie: Die erste Elegie breitet expositionsartig verschiedene Themenbereiche aus, die in den folgenden Elegien wieder aufgenommen werden. Gleich zu Beginn wird an die „Ordnung der Engel“ und deren Distanz zum Menschen erinnert, wenngleich die Engel selbst über alle Elegien hinweg stumm bleiben.

Auf der Suche nach dem, was in der Welt Bestand haben könnte, werden nicht nur die Engel, sondern auch die (in der achten Elegie wiederkehrenden) Tiere den Menschen gegenübergestellt; die conditio humana ist es letztendlich, die hinterfragt wird („wen vermögen wir denn zu brauchen?“), und der Mensch stellt sich dar als Gefangener in der „gedeuteten Welt.“ In Anlehnung an Novalis und die Romantik erscheint auch bei Rilke die Nacht als die diesen Gedanken angemessenste Zeit, und vor allem als die Zeit, in der sich Erde und Kosmos vereinen („Winde voller Weltraum“).

Die Einsamkeit des Menschen („die Leere“) erscheint als grundlegende Erfahrung, und dem normalen Menschen wird der (in der sechsten Elegie nochmals thematisierte) Held gegenübergestellt, der, ähnlich wie die Liebenden, eine Loslösung von der einschränkenden conditio humana erreicht, „denn Bleiben ist nirgends.“

Die zweite Strophe bringt eine Hinwendung nach innen: „Höre, mein Herz, wie sonst nur Heilige hörten“. Wieder erscheint der Wind als Bote des Kosmos („Aber das Wehende höre“), der die „ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet“, bringt. Diese Nachricht erzählt auch von den Toten, von Erde und Kosmos, die eingangs gestellte Frage („wen vermögen wir denn zu brauchen?“) wird schließlich beantwortet: die Lebenden brauchen die Toten.