Interpretation: Der Zauberberg

Thomas Manns zweite Romanveröffentlichung lässt sich stilistisch als typischer Erzähltext der Moderne einordnen. Die eigentliche Handlung des Romans kann in wenigen Sätzen zusammengefasst werden: Die Hauptfigur Hans Castorp kommt in ein Sanatorium in die Schweizer Alpen, bleibt dort sieben Jahre lang, plaudert mit den anderen Patienten und zieht dann als Soldat in den Ersten Weltkrieg. Wesentlich mehr Platz nimmt die innere Entwicklung des Helden ein, bei der es sich um einen – wenn schlussendlich auch erfolglosen – intellektuellen und seelischen Reifeprozess handelt. Geprägt wird diese Entwicklung Castorps durch zahlreiche Gespräche, die er führt oder belauscht, durch seine wissenschaftlichen Studien und ständigen Reflexionen. Die Folge für den Roman ist, dass die eigentliche Handlung stets von essayistischen Einschüben, ausführlichen Dialogen und intellektuellen Gedankenströmen durchbrochen wird.

Der italienische Literat Ludovico Settembrini und der radikale Jesuit Leo Naphta stehen für zwei gedankliche Positionen, die bezeichnend sind für das Europa kurz vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Beide sind große Freunde des philosophischen Streitgesprächs, jedoch immer gegensätzlicher Meinung – ob es dabei nun um Krieg, Religion oder den Staat im Allgemeinen geht. Leo Naphta kann sich für das Mittelalter begeistern und ist tendenziell der rückständigere der beiden Denker, wenn zugleich auch der radikalere. Er äußert mal faschistisch, mal kommunistisch geprägte Thesen und scheint unter dem Einfluss der Werke Schopenhauers und Nietzsches zu stehen. Settembrini ist offen für Neues, er glaubt an den Fortschritt und hält flammende Reden über seine humanistischen und demokratischen Ideale, wobei er selbst nicht allzu viel aus seinem Leben gemacht zu haben scheint. Die beiden Figuren kämpfen um die Zustimmung Hans Castorps, sie wollen beide ausschlaggebend sein für die Meinung des bisher Meinungslosen. Hans Castorp ist hin- und hergerissen, fühlt sich mal von diesem, mal von jenem angezogen und hat nur auf seinem halluzinatorischen Schneespaziergang einen lichten Moment: Beide sind Schwätzer.