Rainer Maria Rilke / Biographie

Im Frühsommer des Jahres 1899 bereist Rilke gemeinsam mit dem Ehepaar Andreas zum ersten Mal Russland. Eine zweite Reise führt ihn ein Jahr später alleine mit Lou in deren Heimat. Bei beiden Reisen besuchen sie auch bekannte Persönlichkeiten, darunter Leo Tolstoj, der für Rilke den Russen schlechthin verkörpert. Während der erste Besuch bei Tolstoi in dessen Moskauer Winterhaus stattfindet, besuchen Lou und Rainer Tolstoi beim zweiten Mal auf dessen Landgut, ein Besuch, der einen tiefen Eindruck auf den jungen Rilke macht. Er ist über die Maßen fasziniert von Land und Landschaften, und von den Menschen dieser Landschaften, doch interessiert er sich weder für die politischen Verhältnisse noch für die gesellschaftlichen Missstände. Dafür beeindruckt ihn die tiefe Religiösität und die sie beherbergende sakrale Baukunst; diese Eindrücke werden sich später im ersten Teil seines „Stunden-Buches“ niederschlagen.

Rilke und Worpswede

Im Dezember 1898 reist Rilke nach Norddeutschland. Zuerst verbringt er einige Zeit als Gast des Prinzen Emil von Schönaich-Carolath auf dessen Gut Haseldorf, dann besucht er Heinrich Vogeler in dessen Haus in Bremen. Rilke hatte Vogeler im April während einer Reise nach Florenz kennengelernt; nun wollte er auf Einladung Vogelers die Weihnachtsfeiertage mit ihm verbringen. Für Vogelers Wohnhaus, den Barkenhoff, dichtet Rilke den berühmten Haussegen: „Licht sei sein Los./Ist der Herr nur das Herz/und die Hand des Bau’s,/mit den Linden im Land,/wird auch sein Haus/schattig und groß.“

Am ersten Weihnachtsfeiertag besuchen Vogeler und Rilke Worpswede. Nach dieser ersten Begegnung mit der dortigen Künstlerkolonie zieht es Rilke immer wieder nach Worpswede zurück, sodass er zwischen 1898 und 1905 insgesamt anderthalb Jahre dort lebt.

Am 27. August 1900 ist Rilke nach der Rückkehr von seiner zweiten Russlandreise abermals zu Gast auf Vogelers Barkenhoff. Hier wird er in den Kreis der Worpsweder Künstler eingeführt und genießt die festlichen Sonntagszusammenkünfte im „Weißen Saal“ des Barkenhoff, bei denen Lesungen abgehalten, lange Gespräche geführt und Musikabende veranstaltet werden. Viele seiner in dieser Zeit entstandenen Gedichte erzählen von Worpswede; einige davon werden später in den Gedichtband Buch der Bilder (1902) aufgenommen.

Als Rilkes vierjährige Beziehung zu Lou Andreas-Salomé auf ihr Bestreben hin beendet wird, findet Rilke bald Trost in Worpswede; bereits im April 1901 heiratet er die Künstlerin Clara Westhoff und bezieht mit ihr ein gemütliches Häuschen im benachbarten Westerwede. Im Herbst entsteht der zweite Teil des „Stunden-Buches“, am 12. Dezember wird ihre Tochter Ruth geboren. Doch das häusliche Glück ist nur von kurzer Dauer, denn die Eheleute verzichten zugunsten ihrer künstlerischen Ambitionen bald auf ein gemeinsames Familienleben. Dennoch bleiben sie zeitlebens Freunde, leben zeitweise wieder zusammen und unternehmen noch mehrere gemeinsame Reisen. Nach 1911 wird zwar der Kontakt zwischen den Eheleuten immer mehr nachlassen, zu einer Scheidung kommt es jedoch nicht.