Jean Paul / Biographie

Ich schauete gerade zum Sternenhimmel auf; aber er erhellet meine Seele nicht mehr wie sonst: seine Sonnen und Erden verwittern ja ebenso wie die, worein ich zerfalle. Ob eine Minute den Maden-Zahn, ob ein Jahrtausend den Haifisch-Zahn an eine Welt setze: das ist einerlei, zermalmt wird sie doch. Nicht bloß diese Erde ist eitel, sondern alles, was neben ihr durch den Himmel flieht und das sich nur in der Größe von ihr trennt. Und du holde Sonne selbst, die du wie eine Mutter, wenn das Kind gute Nacht nimmt, uns so zärtlich ansiehest, wenn uns die Erde wegträgt und den Vorhang der Nacht um unsre Betten zieht, auch du fällest einmal in deine Nacht und in dein Bette und brauchst eine Sonne, um Strahlen zu haben [...]. O mein Geist begehrt etwas anders als eine aufgewärmte, neu aufgelegte Erde, eine andre Sättigung, als auf irgendeinem Kot- oder Feuer-Klumpen des Himmels wächset, ein längeres Leben, als ein zerbröckelnder Wandelstern trägt; aber ich begreife nichts davon [...]."

Wer mit dem Tod geredet und wem dieser versichert hat, nichts weiter gebe es außer ihm, der kann nicht mehr Zuflucht suchen in einem ehernen Gesetz in und einem gestirnten Himmel über sich.

Die Erfahrung des Todes ändert nicht die Welt; doch ein Riss tut sich auf, der jede idealische Synthese von innen und außen, von Subjekt und Objekt mit sich fortreißt. Der aber auch, auf Kosten eines bewusst gewordenen Entborgenseins, die Welt so zeigt, wie sie ist: ihre Brüche, Widersprüche, Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten, ihre Mannigfaltigkeiten, ihre Schönheit. Der eine Unbefangenheit zulässt, die, um nun ein weiteres Mal mit Vollmann zu reden, ein vom Leben gelöstes Leben, das Freisein vom Bedürfnis nach Leben erst gewährt – eine Unbefangenheit, der nichts zu klein und nichts zu groß, nichts zu vertraut, nichts zu fremd, nichts zu schrecklich und nichts zu schön ist. Und die dem, dem sie sich gibt, der den Tod schon hinter sich hat, das Leben nicht lange genug erscheinen lässt. "Ich richtete mich wieder auf, daß der Tod das Geschenk einer neuen Welt sei und die unwahrscheinliche Vernichtung ein Schlaf", schrieb Jean Paul am Tag nach seiner Vision. Der Blick in die unergründliche Tiefe des Menschen öffnet ihn auch auf den unendlichen Götterhimmel. Kein Wunder, dass Schiller Jean Paul für einen Menschen hält, der geradewegs vom Mond gefallen ist.

 

Jean Paul wird als Johann Paul Friedrich Richter am 21. März 1763 in Wunsiedel im Fichtelgebirge geboren. Der Vater ist Organist und Schulmeister, die Familie lebt unter unvorstellbar armen Verhältnissen; von den sieben Kindern, die die Mutter zur Welt bringt, bleiben nur vier am Leben. 1789 ertränkt sich ein Bruder in der Saale, weil er die drückende Armut nicht mehr aushält.