Rainer Maria Rilke / Biographie

Nach der Veröffentlichung seines Gedichtbandes „Traumgekrönt“ (1896) lernt Rilke im Mai 1897 im Hause Jakob Wassermanns nicht nur die Schriftstellerin und Afrika-Forscherin Frieda von Bülow (1857-1909), sondern auch Lou Andreas-Salomé (1861-1937) kennen. Die hochintelligente und äußerst attraktive Halbrussin, Ehefrau des Orientalisten Friedrich Carl Andreas, hat sich nicht nur als Nietzsche-Biographin und Verfasserin autobiographischer Schriften einen Namen gemacht, sondern auch aufgrund ihrer unkonventionellen Lebensweise. Mit der fast 15 Jahre älteren Frau verlebt der 21jährige Rilke im Sommer 1897 leidenschaftliche Wochen im Wolfratshausener Lutzhäuschen. Lou Andreas-Salomé wird später über den jungen Rilke schreiben: „Der blutjunge Rainer [...] wirkte in seinem Wesen doch nicht vorwiegend als der zukunftsvoll große Dichter, der er werden sollte, sondern ganz von seiner menschlichen Sonderart aus. Und dies, obschon er bereits in seinen Anfängen, seit den kindlichsten von ehemals geradezu schon, die dichterische Aufgabe als die seiner unwidersprechlichen Berufung vorweggefühlt hatte und nie irre an ihr ward.“1

Sie ist es auch, die ihn in die Münchner Kunst- und Kulturwelt einführt, ihn mit Nietzsche vertraut macht und ihm rät, seinen Vornamen von dem weiblich klingenden „René“ in den wesentlich männlicher anmutenden Namen „Rainer“ zu ändern. Rilke fasst schnell Fuß in der Münchner Künstlerwelt, ohne aber deshalb sein Wanderleben aufzugeben. Als freier Schriftsteller lebt er nun abwechselnd in München und Berlin, wo er 1898 seine frühesten Münchener Eindrücke in einer (erst posthum veröffentlichten) Erzählung verarbeitet. Darin wird die Geschichte seines Protagonisten Ewald Tragy erzählt, der aus seiner Vaterstadt aufbricht, um in München sein Glück zu machen. Über Ewalds erste Zeit in München heißt es: „Er lebt die ersten Wochen so hin, den ganzen Tag außer Haus, ohne rechten Plan, stets in dem Gefühl: Ja was wollt’ ich denn eigentlich? Er geht in die Galerien, und die Bilder enttäuschen ihn. Er kauft sich einen „Führer durch München“ und wird müde dabei. Endlich sucht er sich so zu benehmen, als ob er jahrelang hier leben würde und das ist nicht leicht. Er sitzt am Sonntag mitten unter den Philistern in einem Brauhausgarten und wandert hinaus auf die Oktoberwiese, wo die Buden und Ringelspiele aufgeschlagen sind und fährt nachmittags in einer Droschke in den ‚Englischen Garten’. Da gibt es manchmal eine Stunde, die er nicht vergessen möchte. So zwischen 5 und 6, wenn die Wolken auf dem hohen Himmel so phantastisch werden in Form und Farbe und sich plötzlich wie Berge hinter den flachen Wiesen des ‚Englischen Gartens’ aufbauen, so daß man denken muß: Morgen will ich auf diese Gipfel steigen. Und morgen ist dann ein Regentag und der Nebel liegt dicht und schwer über den endlosen Gassen.“

So wie in dieser Episode im kleinen, scheitert Ewald auch im Großen; München wird nicht zur neuen Heimat, und Ewald wird nicht glücklich in München. Damit nimmt Rilke nicht nur seine persönliche Erfahrung vorweg, sondern auch die seines späteren Titelhelden Malte, der in Paris ebenso scheitern wird wie Ewald in der Isar-Metropole.

In Berlin lebt Rilke in den Jahren 1898 und 1899 ganz in der Nähe Lous, zuerst in Wilmersdorf und danach in der 1910 abgerissenen „Villa Waldfrieden“ in Schmargendorf, in der er seine Novelle Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke schreibt, die 1906 erscheint.

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1 Lou Andreas-Salomé: Lebensrückblick. Frankfurt/Main 1989, S. 114.