Interpretation: Im Krebsgang

Um die lange undurchsichtig gebliebene Zeitgeschichte ins Heute zu rücken, bedient sich Günter Grass vieler Rückblenden. Er setzt damit bewusst etwas in Gang, führt den Leser vor und zurück, etwas schräg wie im Krebsgang, aber im Gunde doch schonungslos voran, unverdrossen in das Jetzt hinein. Es scheint, als hätte diese Novelle ganz aus sich heraus eine gewaltige Kraft entwickelt.

Im eigentlichen Sinne verbindet Günter Grass die Kultur der Erinnerungen mit einer heute noch immer herrschenden Stimmungslage. Dazu plädiert er entschieden für eine Sensibilisierung der Opfer, die er am ganz konkreten Beispiel festmacht: Am Untergang des K(raft)d(urch)F(reude)-Dampfers 'Wilhelm Gustloff'. Hier hatten noch gegen Kriegsende fast 9000 Menschen ihr Leben verloren. Schon bald überträgt sich auf den Leser ein Mitgefühl, das beinah bis hin zum Patriotismus reicht, denn Grass sprengt das Schweigegebot, was jahrzehntelang diffus über dem Schicksal aller Vertriebenen lag. Ihm geht es darum, jeglichen Verdächtigungen ein Ende zu setzen. Also ergänzt er die präzisierte Zeitstimmung mit seiner Erzählfiktion. Und er geht noch weiter. Er greift mit der hier dargestellten Geschichte nicht nur ein gesamtdeutsches Tabu auf, sondern lässt sein Buch sogar zur Grundlage für eine grenzüberschreitende Auseinandersetzung werden.

Hier ist eine Novelle gelungen, die ihren Bogen straff spannt, über mehrere Generationen hinweg führt und außerdem erkennen lässt, wie unterschiedlich das Maß an Geschichte in Menschen nachwirkt. Aber Grass zeigt außerdem, wie sogar Manipulation und Entstellung konkret werden können, genauso, wie es die erinnerten Fakten in ihrer Unauslöschbarkeit selbst sind. Das Hin und Her, das hier dem seitlich-schrägen Lauf eines Krebses gleich kommt, kann mit demselbem Kunstgriff auch als Gestern und Heute gelten. Und obwohl alles konsequenterweise bis in die Gegenwart reicht, zeigen sich noch immer die gleichen unaufgearbeiteten Probleme.