Interpretation: Trotzki im Exil

Das Stück „Trotzki im Exil“ hat Peter Weiss als seinen „Beitrag zum Leninjahr 1970“ verstanden. Es kann als Versuch des Autors gewertet werden, die damals gültige marxistische Geschichtsschreibung zu korrigieren, die Trotzki, den Theoretiker der „permanenten Revolution“, aus ihren Analen getilgt hatte. In seinen Notizbüchern hält er fest, an Trotzki interessieren ihn „die infamen Lügen, die Verdunkelungen, die der Sozialismus gegen die Revolution vorbrachte.“ Die Auseinandersetzungen, die er Lenin und Trotzki in dem Stück führen lässt, sind ihm mehr als nur Anlass zum Schreiben, für ihn stellt sich die Frage, was es bedeutet, wenn die Geschichtsschreibung den einen zum Helden erhebt und den anderen zum Verschwinden bringt.

Der Text bezeichnet somit auch die Schwierigkeiten, die der Autor als überzeugter Sozialist mit der eigenen Standortbestimmung in einer bipolaren Welt hatte. Mit diesem Stück dokumentiert er seine Kehrtwende von Standpunkt des orthodoxen Sozialisten, den er in den sechziger Jahren vertreten hatte, hin zu einer stärker kritischen Position. „Die Notwendigkeit der kritischen Loyalität und an allem der Zweifel“, schreibt er in seinen Notizbüchern. Er kehrt damit zu einer Einstellung zurück, in der nicht mehr das politische Bekenntnis im Vordergrund steht, wohl aber die bewusste Solidarität mit der sozialistischen Idee. Es lohnt sich, in diesem Zusammenhang den Text „Rekonvaleszenz“, ebenfalls 1970 geschrieben, zu lesen. Hier beschreibt er diesen persönlichen Wandel mit großer Deutlichkeit.

Peter Weiss beginnt, an frühere Schreibverfahren anzuknüpfen, die Zweifel und Kritik wieder zulassen. Sein Ziel wird es, gesellschaftliche Fragen nicht mehr aus einer allgemeingültigen politischen Position heraus zu beantworten, sondern verstärkt auch Zweifel, Irrwege und Traumata aufzuzeigen, die mit einem offiziellen Tabu belegt sind. Die Beschäftigung mit der Figur des Trotzki ist ein wichtiger Baustein in diesem Vorgang. Es geht dem Autor in dem Text nicht um historische Wahrheit und Stimmigkeit, entscheidend ist für ihn vielmehr, diejenigen Personen und Traditionen in den Blick zu bekommen, die, aus welchen Gründen auch immer, in Vergessenheit geraten sind oder aber einer einseitigen Interpretation anheimfielen: „Die Verdrängung zentraler Figuren und Geschehnisse aus dem Bewußtsein der Bevölkerung, die Verheimlichung eines brennenden Ideenstreits, das Leben aus fiktiver Geschichte und die Verschärfung der Maßnahmen gegen kritische Stimmen – dies alles hat zu einem gesellschaftlichen Trauma geführt, das auf Dauer untragbar ist.“ Dieses Trauma der Linken gilt es ihm zu bekämpfen.