Interpretation: Böhmen liegt am Meer

Das Gedicht entsteht 1964 und wird mehrfach von Ingeborg Bachmann überarbeitet. In dieser Zeit wmöchte sie eigentlich keine Lyrik mehr schreiben, sondern sich ihren Prosa-Projekten widmen. Trotzdem entschließt sie sich, das Gedicht zusammen mit drei anderen Gedichten als Zyklus 1968 zu veröffentlichen, in Heft 15 der Zeitschrift ‚Kursbuch’. Sie selbst platziert das Gedicht als letztes im Zyklus mit der Begründung, „weil damit alles gesagt ist.“

Das Gedicht resultiert aus zwei kurzen Pragreisen der Autorin zu Beginn des Jahres 1964 und ihrer Shakespeare-Lektüre aus dieser Zeit. Die Intertextualität ist fast wörtlich zu erkennen, es gibt ebenfalls Anspielungen zu Heidegger, Wittgenstein und Celan. Die Pragerlebnisse waren für die Autorin nach dem Auseinanderbrechen der Beziehung zu Max Frisch ein existenzieller Wendepunkt in ihrem Leben, was im Gedicht thematisiert wird, ohne auf die persönliche Erfahrung detailliert einzugehen. Die Autorin spielt nicht nur mit Zitaten, sondern auch mit Leitmotiven wie den Häusern, den Brücken, dem Meer, dem Grund, der Grenze und dem Wort. Innerhalb dieser Koordinaten kann sich das lyrische Ich zunächst positionieren, Böhmen, eine Stadt am Meer (wobei das Meer auch in Assoziation zum Weiblichen steht), ermöglicht diese Positionierung. Der Ort ist in der 1. Strophe deutlich positiv besetzt („grün“, „heil“, „gern“). Gleichzeitig erreichen die verwendeten Gegensätze in der 2. Strophe eine gelöste Stimmung, die getragen ist von Zulassen, Glauben und Hoffen.

Die 3. Strophe vertieft den Erfahrungshorizont des lyrischen Ichs und beschreibt den Prozess des Auf-den-Grund-Gehens als einen Prozess der Selbstvergewisserung, aus dem das lyrische Ich – in der vorherigen Strophe noch vom Willen beeinflusst („Ich will zugrunde gehen.“) – nun mit einer zentralen Erkenntnis hervorgeht: „und ich bin unverloren.“

Aus dieser Gewissheit heraus ist alles möglich, sogar weiteres Zugrunderichten, weiteres Irren, weiteres Nichtbestehen. Die Welt ist eine Komödie und das lyrische Ich, das um den inneren Zusammenhang nun weiß, kann sich darauf einlassen, ohne daran zugrunde zu gehen.