Interpretation: Der Besuch der alten Dame

Sein wohl erfolgreichstes Theaterstück Der Besuch der alten Dame ordnet Dürrenmatt selbst als tragische Komödie ein. Damit spielt der Autor auf seine männliche Hauptfigur Alfred Ill an, der wie der Held einer klassischen Tragödie vom Schicksal in den Tod getrieben wird. Allerdings wird dieses Schicksal weniger von den Göttern bestimmt, wie das in der griechischen Tragödie der Fall gewesen wäre, sondern ausschließlich von der Gier der Bewohner Güllens. In diesem menschlichen Ursprung des Schicksals liegt für Dürrenmatt der komödiantische Aspekt seines Theaterstücks.

Zu Beginn des Stücks befindet sich dieses Güllen in einer tiefen wirtschaftlichen Krise. Es gibt viele Arbeitslose, die Industrie des Städtchens ist zusammengebrochen. In der Eröffnungsszene am Bahnhof gedenken die Einwohner der guten alten Tage, als noch der Schnellzug in Güllen Station macht und die Stadt mit dem wirtschaftlichen Fortschritt verbindet. Versammelt hat man sich, um Claire Zachanassin zu empfangen, deren Name Dürrenmatt aus den Nachnamen der drei historischen Milliardäre Zaharoff, Onassis und Gulbenkian zusammengesetzt hat. Claire Zachanassin steht also schon mit ihrem Namen für einen Reichtum, von dem die Bewohner Güllens nur träumen können. Sie ist, typisch für die Übersteigerungen des Stücks, die reichste Frau der Welt.

Claire kommt nach 45 Jahren zurück in ihr Heimatdorf, um sich an Alfred Ill zu rächen, der sie damals geschwängert und dann in einem Prozess die Zeugen bestochen hat, um der Vaterschaft zu entgehen und die Tochter des Ladenbesitzers heiraten zu können. Die eigentliche Geschichte, die das Theaterstück erzählt, ist relativ simpel, beschreibt aber das typisch pessimistische Gerechtigkeitsverständnis Dürrenmatts. Claire will sich die Gerechtigkeit für ihre damals erlittene Schmach schlicht und ergreifend erkaufen – und ist damit erfolgreich. Mit den moralischen Überzeugungen der Einwohner Güllens ist es nicht weit her: Sobald Claire ihnen neue Kleider und Autos finanziert, finden sie Gefallen am Konsum und sind bereit, für weitere Finanzspritzen zu töten. Die Frage, die Dürrenmatt mit seinem Stück an den Zuschauer stellt, ist skeptisch, fast schon eine Anklage: Niemand in dem Städtchen hat sich gegen den Mord gestellt – hätten Sie sich anders verhalten?