Rainer Maria Rilke / Biographie

München und der erste Weltkrieg

Auf dem Höhepunkt von Rilkes Schaffen bricht am 28. Juli 1914 der Erste Weltkrieg aus. Zwar verspürt Rilke, wie viele seiner Künstlerfreunde und -kollegen, eine anfängliche Begeisterung, die in den berühmten „Fünf Gesängen“ zum Ausdruck kommt. Bald jedoch weicht diese Begeisterung einem fast traumatischen Schrecken; der Krieg wird zu einem so einschneidenden Ereignis, das Rilkes Produktivität fast vollständig zum Erliegen kommt.

Im Spätsommer hält sich Rilke erneut im Isartal auf, wo er 15 Jahre zuvor den Sommer mit Lou Andreas-Salomé verbracht hatte. Diesmal begegnet Rilke der Malerin Lulu Albert-Lazard, der er einen Gedichtzyklus mit 15 Gedichten widmet.

Im November 1915 wird Rilke in München gemustert und für kriegstauglich befunden. Anfang Januar 1916 holt man ihn als Landsturmmann nach Nordböhmen, doch bereits nach einem Monat wird Rilke aufgrund seiner schlechten körperlichen Verfassung vom Felddienst ins Kriegsarchiv versetzt. Dort trifft er auf andere Schriftsteller wie Stefan Zweig, die bereits zur schönenden Arbeit an Kriegsberichten und Heldengeschichten eingeteilt sind. Glücklicherweise wird Rilke durch die Intervention eines Freundes schon im Juni wieder aus dem österreichischen Militärdienst entlassen und kann nach München zurückkehren. Er mietet sich in der Villa Alberti in der Keferstraße ein. Auch seine Frau Clara und seine Tochter Ruth leben zu dieser Zeit in München. Sie unterstützt Rilke nicht nur aus einer Erbschaft, die ihm sein 1906 verstorbener Vater hinterlassen hat, sondern auch mit eigenen Einkünften, die beispielsweise aus seinen Vorträgen stammen. Rilke hält zahlreichen Vorträge über die römische Antike, die in der Münchener Gesellschaft nicht nur Aufsehen erregen, sondern auch heftig diskutiert werden. Rilke thematisiert bei diesen Vorträgen oft das Lebensgefühl der späten Kaiserzeit und schlägt damit den spirituellen Bogen zu Ludwig Klages und den Kosmikern.

Als Rilke im Juli 1917 seine Wohnung in der Keferstraße aufgeben muss, dauert es fast ein Jahr, bis er wieder eine eigene Wohnung findet. In der Zwischenzeit lebt er zunächst auf Hertha Königs Gut Böckel in Westfalen, dann in Berlin und dann im Münchner Hotel Continental. Als er schließlich seine letzte Münchner Wohnung in der Schwabinger Ainmillerstraße bezieht, ist er längst entschlossen, die Stadt, die ihm nie besonders ans Herz gewachsen war, zu verlassen und eine schon länger geplante Vortragsreise in die Schweiz anzutreten. Als schließlich während der Münchner Revolution auch seine Wohnung wegen eines Briefes von Ernst Toller durchsucht wird, ist dieses Ereignis der entscheidende Anlass für Rilke, München am 11. Juni 1919 endgültig zu verlassen.