Thomas Mann / Biographie

Von Lars Witte

Thomas Mann wird am 6. Juni 1875 in Lübeck geboren. Er ist der Sohn sehr gegensätzlicher Eltern; sein Vater, Thomas Johann Heinrich Mann, ist einer der angesehensten Kaufleute der Stadt, ein Geschäftsmann mit Leib und Seele, während seine Mutter, Julia Mann, eher künstlerisch interessiert ist. Sie unterstützt die musischen Vorlieben ihres Sohnes und sorgt dafür, dass er Geigen- und Klavierunterricht bekommt. Sie teilt zudem seine Begeisterung für die Musik Richard Wagners.

Thomas Mann ist das zweite von insgesamt fünf Kindern. Er bewundert seinen älteren Bruder Heinrich, der sich offen gegen die Enge des bürgerlichen Lebens aufzulehnen wagt und gegen den Willen des Vaters eine Karriere als Schriftsteller anstrebt. Als der Vater 1891 stirbt, wird das Familienunternehmen aufgelöst und ein umfangreiches Erbe freigesetzt. Die Brüder erhalten fortan eine monatliche Pension. Thomas Mann geht mit seiner Mutter nach München, arbeitet ein Jahr lang als Versicherungskaufmann und entscheidet sich dann – durch das Erbe finanziell abgesichert – ebenfalls für die Schriftstellerei.

Die beiden Brüder leben für einige Zeit in Italien und genießen das freie Künstlerleben. Großen Einfluss auf Manns Entwicklung als Schriftsteller hat die pessimistische Philosophie Arthur Schopenhauers, der in seinem Werk Die Welt als Wille und Vorstellung das menschliche Leben als einen langen und sinnlosen Leidensweg beschreibt. Sehr angetan ist Mann auch von der scharfen Kritik Nietzsches an den Werten des Bürgertums – wobei er allerdings feststellen muss, dass Nietzsche die Werke des von ihm sehr verehrten Richard Wagner als illusionären Schwindel entlarvt. Zeit seines Lebens wird Mann vom Dreigestirn Nietzsche-Schopenhauer-Wagner beeinflusst bleiben, sich ihren Thesen und Ideen in seinen eigenen Werken oftmals aber nur durch große Ironie geschützt nähert.

Bereits in seiner ersten Veröffentlichung, der Novellensammlung Der kleine Herr Friedemann, ist Manns identifizierend-distanzierter Umgang mit seinen Erzählerfiguren zu bemerken. Die Geschichten handeln von emotional oder auch körperlich missgebildeten Menschen, die sich als Künstler durchschlagen oder zumindest künstlerisch veranlagt sind. Die Rebellionsversuche der Figuren gegen die bürgerlichen Zwänge werden zwar wohlwollend, aber immer auch humorvoll und mit Abstand beschrieben. Manns Schreiben ist von Anfang an hin- und hergerissen zwischen der Suche nach dem individualistisch-künstlerischen Ausdruck und den üblichen Zugeständnissen an kleinbürgerliche Moralvorstellungen und den entsprechenden Geschmack. Wie aus den späteren Tagebüchern Manns hervorgeht, ist der Autor sich zu dieser Zeit bereits seiner homosexuellen Neigungen bewusst, die er aus Angst vor einem gesellschaftlichen Eklat jedoch unterdrückt. Seinem Freund Otto Grautorff schreibt er 1898, die Erzählung Der kleine Herr Friedemann handle im Grunde von ihm selbst. Demzufolge geht es in der Geschichte also nur oberflächlich um die heterosexuelle Liebe der verkrüppelten Hauptfigur zu einer ungewöhnlichen Frau, während im Kern von der Unmöglichkeit einer gesellschaftlich akzeptierten Liebe an sich erzählt wird.