Johann Wolfgang Goethe / Biographie

Wieder widmet sich Goethe jetzt vorwiegend seinen naturwissenschaftlichen Arbeiten, vor allem seiner Farbenlehre. In ihr führt er einen vergeblichen Kampf gegen die Optik Newtons; es ist im Grunde ein Streit des Augenmenschen und Künstlers gegen die analytische Wissenschaft. 1809 entsteht der Roman Die Wahlverwandtschaften, in dem er u. a. seine letztlich von Entsagung geprägte Begegnung mit Minchen Herzlieb, der achtzehnjährigen Pflegetochter des Jenaer Buchhändlers Frommann verarbeitet. 1811 beginnt er die Niederschrift von Dichtung und Wahrheit, seiner Lebensgeschichte.

Goethe ist inzwischen ein älterer Herr von über 60 Jahren geworden. Er pflegt jetzt regelmäßig Bäder in Böhmen aufzusuchen: Karlsbad, Franzensbad, Teplitz oder Marienbad. Dichterisch geben inzwischen Jüngere den Ton an: Ludwig Tieck, Clemens Brentano, Achim von Arnim, Novalis, August Wilhelm und Friedrich Schlegel, Heinrich von Kleist. Obwohl sich die Romantiker auf Goethe berufen, vor allem auf Wilhelm Meisters Lehrjahre, lehnt Goethe die ganze Richtung ziemlich schroff ab: "Das Klassische nenne ich das Gesunde und das Romantische das Kranke." (Eckermann: Gespräche, 2. April 1829).

1814 unternimmt Goethe eine Reise in die Rhein- und Maingegenden; die neu gewonnene Schaffenskraft findet ihren Niederschlag in der Arbeit am West-östlichen Divan, in welchem er – in Auseinandersetzung mit dem persischen Dichter Hafis – eine Synthese von östlicher und westlicher Weltanschauung zu schaffen sucht.

Es ist die letzte größere Reise. Mehr und mehr zieht sich Goethe in seinen letzten Lebensjahren zurück; vor allem nach dem Tod seiner Frau (1816) werden die hinteren Zimmer seines Hauses zum Zentrum seiner Welt. 1823 kommt Johann Peter Eckermann zu Goethe und wird ihm als Sekretär und Gesprächspartner bald unentbehrlich. (Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens, erschienen 1836–48). Eine weltabgeschiedene Idylle ist dieses Haus am Frauenplan allerdings nicht, dafür sorgen schon die lebenslustige Schwiegertochter Ottilie, die sein Sohn August 1817 geheiratet hat, und die drei Enkelkinder Walther, Wolfgang und Alma.

Im Alter von 74 verliebt sich Goethe noch einmal leidenschaftlich. Es geschieht auf seiner letzten Badereise nach Böhmen, in Marienbad, wo er der neunzehnjährigen Ulrike von Levetzow begegnet. Beinahe hätte er das Mädchen noch geheiratet, entschließt sich dann aber doch zum Verzicht. Die Trilogie der Leidenschaft (darin: Marienbader Elegie) ist ergreifender Ausdruck dieser späten Passion.