München in der Weimarer Republik

Dann holen Brecht die realen Unruhen der jungen Weimarer Republik in Berlin und München ein: die Ermordung Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts, die Münchner Räterepublik und die Niederschlagung derselben durch das ‚weiße Freicorps’ unter Ritter Epp und schließlich die Ermordung des bayerischen Präsidenten Kurt Eisner – Brecht und Caspar Neher beschließen, diese Stimmungen festzuhalten; das Theaterstück Spartakus entsteht, das später unter dem Titel Trommeln in der Nacht bekannt wird.

Diese beiden Stücke sind es, die dem schmächtigen, schlecht gekleideten Studenten Brecht den Zugang zu Lion Feuchtwanger (1884-1958) ermöglichen, der sowohl von Brechts unkonventionellem Wesen als auch von seinen ebenso unkonventionellen Stücken beeindruckt ist. Es entwickelt sich eine intensive Zusammenarbeit zwischen beiden und als Feuchtwanger auch Brechts Vater gegenüber bestätigt, dass er den Jungen für sehr begabt halte, darf Brecht sein längst abgebrochenes Studium auch offiziell mit seiner Exmatrikulation beenden; der väterliche Unterhalt fließt nun auch ohne Studium weiter.

Feuchtwanger trägt wesentlich dazu bei, dass Brechts Stück Trommeln in der Nacht 1922 eine sehr erfolgreiche Uraufführung in der Inszenierung von Otto Falckenberg an den Münchner Kammerspielen erlebt.

In der Zwischenzeit hat Brecht Karl Valentin und Liesl Karlstadt kennengelernt, mit denen er das Kabarettprogramm Die rote Zibebe auf die Bühne bringt, und ebenfalls noch 1922 bekommt er auf Empfehlung des einflussreichen Theaterkritikers Herbert Jhering (1888-1977) den Kleistpreis verliehen.

1922 lernt Brecht die österreichische Schauspielerin und Opernsängerin Marianne Zoff (1893-1984) kennen, die er im November heiratet; bereits im März 1923 kommt die gemeinsame Tochter Marianne zur Welt, die später selbst unter dem Künstlernamen Marianne Hiob auf der Bühne stehen wird.

Bei einer seiner Berlin-Reisen macht Brecht die Bekanntschaft Arnolt Bronnens und schreibt das Stück Im Dickicht der Städte, das unter dem Titel Im Dickicht in der Inszenierung von Erich Engel am 9. Mai 1923 im Residenztheater uraufgeführt wird und einen Skandal auslöst.

Im Hause Feuchtwanger lernt Brecht die junge Ingolstädterin Marieluise Fleißer (1901-1974) kennen, die seit 1919 bei Arthur Kutscher Theaterwissenschaft und Germanistik studiert. Die beiden, die bald auch ein Paar sind, beginnen zusammen zu arbeiten, während Brecht weiterhin mit einem gesicherten Einkommen als Dramaturg an den Kammerspielen angestellt ist. Aus der Zusammenarbeit zwischen Brecht und Feuchtwanger entsteht eine Neufassung von Christopher Marlowes King Edward II unter dem Titel: Das Leben König Eduards des Zweiten; das Stück, von Brecht selbst inszeniert, erlebt seine Uraufführung am 18. März 1923 – es ist Brechts letzte Arbeit in dem München, das in der Zwischenzeit zu einer Hochburg der NSDAP und zum Schauplatz des Hitler-Putsches geworden ist. Mahagony nennt sie Brecht – eine Stadt, die von Gewalt zerstört wird.