Interpretation: Abschied von den Eltern

Die Erzählung „Abschied von den Eltern" ist ein autobiographischer Bericht über Peter Weiss' eigenes Verhältnis zu den Eltern. Dabei geht es, wie der Titel bereits suggeriert, um das Überwinden einer von ihm als zwanghaft empfundenen Sohn-Eltern-Bindung.

Das Selbstbildnis, das Peter Weiss entwirft, bewegt sich, wie er im ersten Satz des Textes schreibt, „peilend zwischen Aufruhr und Unterwerfung". Typisch für seinen Umgang mit der eigenen Geschichte sind die „großen blinden Flecken" innerhalb des Erzählten, d.h. der Mangel an authentischen Dokumenten. Stattdessen verlässt er sich auf Ahnungen und Hypothesen. Über die Vergangenheit etwas zu ahnen bedeutet aber, dass alles einen hypothetischen Charakter erhält, also die Möglichkeit, dass auch alles ganz anders gewesen sein könnte. Faktizität spielt nur eine untergeordnete Rolle, was sich u.a. an dem fast vollständigen Fehlen von Daten und historischen Gegebenheiten im Text zeigt. Dieses Verschweigen ist Konzept: Es geht um die Entwicklung der eigenen, individuellen Geschichte, die erst durch den Akt des Erzählens zu einer öffentlichen Geschichte wird. Nicht das gelebte Leben selbst wird rekonstruiert, da es unmöglich ist, die Wirklichkeit ein zweites Mal authentisch zu erfahren, auch für den Autor selbst. Im Gegenteil, erst durch die erzählerische Gestaltung, die immer auch eine Verfremdung ist, kann eine Version - eine Ahnung - der Vergangenheit formuliert werden.

Hierfür bedarf es einer „überblickenden Vernunft", wie Weiss es im Text bezeichnet, eine Distanz zum eigenen Material / Leben, um die Geschehnisse von heute aus ordnen zu können. Erst so wird sie für den Autor verfügbar. Diese erzählerische Form der Heraushebung von Distanz und Abstand ermöglicht es Peter Weiss, einzelne Entwicklungsschritte hervorzuheben. Ungebunden an historische Fakten dient die Schilderung der Vergangenheit der Perspektivbildung für die Gegenwart: Der Autor befragt mit seinem heutigen Interesse die Vergangenheit, der Text wächst somit quasi in das Jetzt hinein. So verliert die Autobiographie ihren rein historischen Anspruch und wird zu einer eigenen Positionsbestimmung in der Gegenwart. Daher kann auch der letzte Satz der Erzählung lauten: „Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach einem eigenen Leben".