Kurzinhalt, Zusammenfassung: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (1910)

Der von Jens Peter Jacobsons „Niels Lyhne“ beeinflusste Roman hat keine Handlung im eigentlichen Sinne, sondern beschreibt in der Ich-Form die Nöte, aber auch einen gewissen Reifungsprozess des in Paris lebenden, mittellosen Dänen Malte, von dem man nie erfährt, weshalb er eigentlich in die Seine-Stadt gekommen ist, wohl aber, dass er nach drei Wochen beschließt, nun keine Briefe mehr zu schreiben.

Obgleich Maltes ausgeprägte Sensibilität und Sensitivität zu tiefgehenden Gefühlen und weitreichenden Reflektionen führen, die in 71 AZ (Aufzeichnungen) niedergeschrieben sind, ist er außerstande, sich dem künstlerischen Schaffensprozess selbst hinzugeben und Kunst zu produzieren; er scheitert schließlich an der mechanisierten Welt der Großstadt. Diese Großstadt, obschon auch Ziel expliziter Kritik, ist dennoch nicht der alleinige Grund für Maltes Scheitern, denn bereits die (nicht vollständig rekonstruierbare) Familien- und Herkunftsgeschichte Maltes ist geprägt durch den Zerfall, der durch das Sterben einzelner Familienmitglieder weitergetragen wird; dem Tod wird seit Generationen nichts wirklich Lebendes mehr entgegengesetzt, dem Niedergang steht keinerlei Aufschwung gegenüber.

Die 71 Aufzeichnungen sind in zwei etwa gleich lange Teile (erster Teil: AZ 1-38; zweiter Teil: AZ 39-71) unterteilt und zeigen bei genauer Betrachtung eine Entwicklung vom Konkreten hin zum Abstrakten und Gedanklichen. Während der erste Teil noch hauptsächlich zwischen den Schilderungen vornehmlich konkreter Erinnerungen an Dänemark (AZ 8, 15, 27-37) und Erlebnissen in Paris (1-7, 9-14, 16-26, 38) wechselt und diese Ereignisse auch zumeist in aufeinander folgenden Aufzeichnungen mitteilt, verliert sich im zweiten Teil diese zaghafte Anlehnung an das Konkrete in immer abstrakteren Gedankenereignissen, wie der Episode um den Zeit sparenden Petersburger Nachbarn Nikolaj Kusmitsch, der trotz aller Sparsamkeit nie auch nur eine einzige ersparte Minute sein eigen nennen kann.

Die Erinnerungen an seine Heimat werden demgegenüber zunehmend spärlicher und zerrissener, bis schließlich seine Angebetete Abelone, „eine strahlende, himmlische Männlichkeit“ (AZ 37) und die einzige Figur seiner Vergangenheit, die auch eine gewisse Präsenz in der erzählten Pariser Gegenwart hat, in der Hinwendung zum Göttlichen verschwimmt und verschwindet, während ihr Wesen in der Gestalt der Bettine ins Mystische erhoben wird (AZ 56-57).

Die letzte Aufzeichnung schließlich ist eine  Paraphrase des Gleichnisses vom Verlorenen Sohn (Lukas 15, 11-32) als „Legende dessen..., der nicht geliebt werden wollte“. 

Bringt man die Aufzeichnungen in eine chronologische Ordnung, so entsteht das (fragmentarische) Bild eines Weges der Vereinsamung, den Malte geht und gehen muß und der ihn aus dem Schoß der Familie zu sich allein und von den großzügigen, wohlriechenden dänischen Landgütern seiner Vorfahren über eine Stadtwohnung in die übelriechende Enge einer europäischen Großstadt (Paris) führt, in der er nur noch in der Nationalbibliothek Schutz findet vor den „Schalen von Menschen“, den „Fortgeworfenen“, den Schattenseiten dieser modernen Zeit.