Interpretation: Geschwister Tanner

Geschwister Tanner ist Robert Walsers erste Romanveröffentlichung und zugleich sein heiterstes Werk. Hauptfigur ist der moderne Taugenichts Simon Tanner, der unbeschwert seines Weges zieht. Hier und da nimmt er eine Arbeit an, die er ebenso bald wieder aufgibt, um seine Jugendjahre nicht mit mühseligem Broterwerb zu vergeuden. Mit großer Freude lässt er sich auf jede Plauderei ein und sieht sich von seinen täglichen Erlebnissen zu allerausführlichsten Grübeleien veranlasst – die allerdings niemals zur Folge haben, dass er seinen unbedarften Lebensstil ändert. Geschwister Tanner ist ein Entwicklungsroman ohne Entwicklung: Wie im Genre üblich, wird ausführlich davon erzählt, wie der Held seine Erfahrungen macht und bewältigt, trotzdem ist er am Ende des Buchs aber noch immer derselbe Simon wie zu Beginn. Er ist mittellos, er weiß nicht, was die Zukunft ihm bringen wird; aber er lässt sich davon nicht unterkriegen und bleibt bis zum Schluss unangepasst und eigenwillig. Sämtliche Ansprüche, die von Freunden, Familienmitgliedern oder seinen zahlreichen Vorgesetzten an ihn gerichtet werden, scheinen nicht wirklich bis zu ihm durchzudringen. Simon Tanner ist zwar ein klassischer Taugenichts, aber er ist auch ein Rebell, dem die Verlockungen der Gesellschaft nichts anhaben können.

Auffällig ist, wie oft die Romanfigur Simon Tanner auf der Suche nach einer neuen Wohnung ist. Als die Vermieterin Klara Agappaia ihm ihre vornehmen Zimmer zeigt, kann er sein Glück kaum fassen: ein armer Schlucker wie er wird fortan ein Leben in derart herrschaftlichen Räumen führen! Später, bei einem Besuch auf dem Land, malt er sich aus, wie es wohl wäre, dort zu leben und von jedem auf der Straße gegrüßt zu werden. Jeder im Dorf würde ihn kennen und lieben! Deutlich wird, dass für Simon jede Bleibe auch mit dem Versuch eines neuen Selbstentwurfs verbunden ist. Die Figur ist den Roman hindurch auf der Suche nach der eigenen Identität. Warum diese Suche unvollendet bleibt und Simon keine abgeschlossene, erwachsene Persönlichkeit entwickelt, lässt sich wiederum im Anschluss an einen Wohnortwechsel ablesen. Als der Winter kommt, mietet er sich in einem kleinen Zimmer ein und gibt sich sehnsüchtig seinen Kindheitserinnerungen hin, die er sogar auf kleinen Papierstreifen festzuhalten beginnt. Er denkt daran, dass er nie krank war und seine Geschwister Hedwig und Klaus beneidete, die mit Fieber stets wohlig verhätschelt wurden. Er denkt an seine guten Leistungen in der Schule und wie schön es war, sich vor den Eltern zu beweisen. Simon will nicht erwachsen werden; er ist auf der Suche nach der Geborgenheit seiner von den Eltern und Geschwistern behüteten Kindheit.