Interpretation In der Strafkolonie

Oft ist Kafkas verstörende Erzählung In der Strafkolonie als prophetische Vision der unvorstellbaren Grausamkeiten angesehen worden, die mit Ausbruch der totalitären Barbarei im 20. Jahrhundert von Menschen an Menschen verübt worden sind. Und dass schon aufgrund der Entstehungszeit im Oktober 1914 ein – wenn auch nicht inhaltlicher – Zusammenhang zu dem gerade zwei Monate alten Ersten Weltkrieg vermutet werden muss, liegt auf der Hand: Die gewaltgeladene Atmosphäre, die ganz Europa beherrschte, musste, und sei es nur unterbewusst, selbst den introvertiertesten Prager Schriftsteller erfassen.

Ganz offensichtlich ist aber auch, dass es sich bei diesem Text keineswegs um eine Anti-Kriegs-Parabel handelt; bei genauerem Hinschauen erscheint es durchaus als fraglich, ob Gewalt – trotz der extremen Schonungslosigkeit der Darstellungsweise – wirklich das Hauptthema der Erzählung ist.

Was auffällt und zu einem nicht geringen Unbehagen beim Lesen beiträgt, ist die seltsam unbeteiligte Haltung der Hauptfigur des Reisenden, aus dessen Perspektive überwiegend erzählt wird. Zwar bleibt kein Zweifel daran, dass dieser die Prozedur ablehnt und nicht bereit ist, den Offizier in dessen Strategie für die Erhaltung des Hinrichtungsapparates zu unterstützen, doch ist von Empörung – immerhin soll vor seinen Augen ein Mensch zu Tode gequält werden – nicht viel zu merken. In ihrer rationalistischen Kälte wirken die Gedanken des Reisenden ("Es ist immer bedenklich, in fremde Verhältnisse entscheidend einzugreifen. [...] Die Ungerechtigkeit des Verfahrens und die Unmenschlichkeit der Exekution war zweifellos. Niemand konnte irgendeine Eigennützigkeit des Reisenden annehmen") beinahe unmenschlicher als der Fanatismus des Offiziers; weder mit Taten, noch mit Worten versucht er die Exekution zu verhindern, Mitleid mit dem Verurteilten (dessen ausgestreckte Hand er ignoriert) fehlt völlig.

Gänzlich anders ist die Figur des Offiziers gezeichnet. Mag er als glühender Befürworter der inhumanen Vorgehensweise vordergründig – und unvermeidlich – als perverser Sadist erscheinen, so wird im Laufe der Erzählung deutlich, dass sein Motiv weder die bloße Lust am Quälen noch Hass oder Verachtung für den Angeklagten ist. Nicht der Zynismus der Macht spricht aus seinem Lob des Artefakts und seines Erfinders, sondern eine bei aller Abwegigkeit echte Begeisterung, die aus der Überzeugung von dem Sinn der Einrichtung entspringt.

Die Opposition zwischen Reisendem und Offizier erweist sich also weniger als diejenige zwischen Zivilisation und Barbarei, sondern als eine grundsätzlichere. Es geht ums 'Beteiligtsein': Auf der einen Seite steht der emotional und faktisch distanzierte Reisende (bereits sein Status als solcher signalisiert seine Nicht-Zugehörigkeit), auf der anderen der sich mit dem Ganzen vollständig – bis zur Selbstopferung – identifizierende Offizier. Diese Opposition bündelt eine ganze Reihe von Gegensatzpaaren wie Passivität/Aktivität, Skepsis/Glaube, Verstand/Gefühl, etc., die sich modellhaft als diametral entgegengesetzte Möglichkeiten des Umgangs mit Realität deuten lassen.