Interpretation: Die Welt von Gestern

„Geschichte kann man nie genau reproduzieren – wer weiß denn ‚die Wahrheit!’ – wir müssen sie erfinden.“ (Stefan Zweig am 19. September 1941 an Richard Friedenthal)

Die Welt von Gestern wird in der Regel der Gattung Autobiographie zugeordnet. Auch Stefan Zweig selbst spricht während des Schreibprozesses in Briefen an Freunde und Kollegen von seiner „Autobiographie“. Das Werk ist jedoch nur bedingt als solche zu klassifizieren, obgleich das Hauptkriterium erfüllt ist; es handelt sich um eine „Erzählung, die das Leben des Autors berichtet“ (Philippe Lejeune). Dennoch ist die Bezeichnung Memoiren hier vermutlich treffender. Dafür spricht der von Zweig gewählte Untertitel Erinnerungen eines Europäers und die im Vorwort erwähnte Betrachtung seiner selbst „im Sinne des Erklärers bei einem Lichtbildervortrag.“ In der Tat erzählt er wenig von seiner eigenen Person, er beschreibt vielmehr die Umstände seines Lebens: sein bürgerliches Umfeld, seine – dem Leser vermutlich zumeist nicht unbekannten – Freunde und Kollegen und verschiedene Länder und Städte.

Einleitend zur Welt von Gestern schreibt Zweig, dass er sich um „Aufrichtigkeit und Unbefangenheit“ in der Darstellung bemüht. Und tatsächlich erläutert er offen sein Denken und Fühlen bezüglich der eigenen Vergangenheit, erklärt Motive seines Handelns und reflektiert es im Zusammenhang mit dem Geschehen in seiner Umwelt. Das durch Knüpfen eindeutiger Sinnzusammenhänge vermittelte homogene Bild entspricht allerdings nur begrenzt den Tatsachen. Der Schriftsteller erzählt sein Leben aus der Retrospektive, in Hinblick auf dessen Gestaltung ‚auf Papier’, innerhalb eines Erzählrahmens und eines vorab festgesetzten „Endes“ des Geschehens (Telos) - er pointiert, fasst zusammen und hält verborgen. So entsteht ein Text, der ihn selbst und sein Umfeld verzerrt darstellt. Innerhalb des Erzählten äußert sich dies auf verschiedene Art und Weise:

Wesentliche Gesichtspunkte von Zweigs Leben bleiben unberücksichtigt. Seine beiden Ehefrauen sowie der enge Freund Joseph Roth – neben einigen anderen Kollegen – werden an keiner Stelle erwähnt. Dies sind Einzelheiten, die seine Zurückhaltung in der Darstellung unterstreichen und außerdem verdeutlichen: Hier wird eine konstruierte Realität vermittelt.