Günter Grass / Biographie

Von Hannelore Crostewitz

Das schöpferische Schaffen von Günter Grass zeigt sich dreigeteilt, so ist er Graphiker, Bildhauer und Schriftsteller gleichermaßen. Als er am 16. Oktober 1927 im damaligen Danziger Vorort Langfuhr geboren wird, führen die Eltern eine Kolonialwarenhandlung. Mütterlicherseits ist Grass kaschubischer Herkunft, was sich auch in seinen Werken widerspiegelt. Sein Talent glaubt er ebenfalls von der Mutter geerbt zu haben. Und so steht schon früh fest, dass er eine künstlerische Richtung einschlagen wird, denn mit Eintritt ins Jenkauer Conradinum 1937 erfolgen gleich erste schriftstellerische und bildhauerische Versuche.

Noch im letzten Kriegsjahr als Flakhelfer, Panzerschütze und im Arbeitsdienst eingesetzt, gerät er leicht verwundet in amerikanische Gefangenschaft. Nach dem Krieg arbeitet er zunächst im Bergwerk, nimmt danach in Düsseldorf eine Steinmetzlehre auf und absolviert von 1948 bis 1952 ein Studium der Bildhauerei und Graphik bei Sepp Mages und Otto Pankok an der dortigen Kunstakademie. Er bereist Frankreich und Italien und siedelt 1953 nach Berlin über. Hier studiert er an der Hochschule für Bildende Künste bei Karl Hartung. Ein Jahr später heiratet er die Schweizer Ballettstudentin Anna Schwarz, der er später seine Blechtrommel widmen wird.

Ein Lyrikwettbewerb des Süddeutschen Rundfunks bringt ihm 1955 den 3. Preis. Es folgen erste Lesungen in der Gruppe 47 und erste Veröffentlichungen in der in München herausgegebenen Literaturzeitschrift "Akzente". Von 1956 an lebt er für einige Jahre vor allem in Paris, wo 1957 die Zwillinge Franz und Raoul geboren werden. Zu dieser Zeit entsteht auch, wenngleich von Berliner Luft inspiriert, Die Vorzüge der Windhühner, ein Werk, das Gedichte, Prosa und Zeichnungen umfasst.

Als Grass 1958 zum ersten Mal aus Manuskripten der Blechtrommel liest, bannt er seine Zuhörer sofort, überrascht sie aber gleichzeitig auch, weil er bis zu diesem Zeitpunkt eher als Lyriker und Dramatiker bekannt ist. Er erhält den Preis der Gruppe 47, nicht aber den Bremer Literaturpreis, den der Senat der Hansestadt ihm trotz des Votums der Jury verweigert.

Aber noch bevor seine Blechtrommel 1959 erscheint, reist er zu Recherchen nach Polen, zum Schauplatz des Romans. Auch an Katz und Maus und Hundejahre arbeitet er intensiv, sodass die bildhauerische Arbeit vorerst unterbrochen ist. Für Gleisdreieck besucht er Polen dann ein zweites Mal, die dritte Reise unternimmt er 1960. In diesem Jahr erhält Günter Grass auch den Berliner Kritikerpreis. 1961 siedelt er ganz nach Berlin über. Zu dieser Zeit wird auch seine Tochter Laura geboren.

Nun beginnen erste politische Textarbeiten für Willy Brandt und Grass' Engagement für die SPD. 1962, als er Hundejahre abschließt, wird ihm für die Blechtrommel der Französische Literaturpreis verliehen. Zudem wird Grass 1963 in die Berliner Akademie der Künste aufgenommen. Von seiner USA-Reise 1964 bleiben seine Rede zum 400. Geburtstag Shakespeares und die Ehrenpromotion des Kenyon-College in Erinnerung. 1965, dem Jahr seiner ersten großen Wahlkampfreise für die Sozialdemokraten, wird ihm der renommierte Büchner-Preis verliehen und sein Sohn Bruno Thaddäus erblickt das Licht der Welt. 1966 findet die Uraufführung von Die Plebejer proben den Aufstand statt und Grass geht wieder auf Reisen: in die USA, in die CSSR, nach Ungarn, und bald auch nach Israel. 1967 entsteht Ausgefragt, die Verfilmung von Katz und Maus erlebt in Berlin ihre Uraufführung und Grass nimmt die Carl-von-Ossietzky-Medaille des Kuratoriums der Internationalen Liga für Menschenrechte entgegen. 1968 erhält er den Fontane-Preis, 1969 folgt der Theodor-Heuss-Preis. Nach den Uraufführungen von Davor und örtlich betäubt begibt er sich abermals auf Reisen nach Rumänien, Jugoslawien, Ungarn und in die CSSR.

1970 bereist Grass zunächst die UdSSR, danach begleitet er Bundeskanzler Willy Brandt bei der Unterzeichnung des Deutsch-Polnischen Vertrages nach Warschau. Inzwischen ist Grass nicht nur in die Amerikanische Akademie für Künste und Wissenschaften gewählt, sondern zeitweilig auch an den Städtischen Bühnen in Frankfurt/Main als Berater tätig. Unterdessen wird das Ballett Die Vogelscheuchen nach Vorlage der Hundejahre uraufgeführt. 1972 unterstützt er den Bundestagswahlkampf der SPD; in dieser Zeit entsteht auch Aus dem Tagebuch einer Schnecke. Über eine längere Zeit arbeitet er nun am Butt, und 1973 erscheint Mariazuehren, in dem Gedichte und Fotos seiner künstlerischen Arbeit vereint sind. Wieder reist er in die USA, danach mit Willy Brandt auch nach Israel. 1974 erscheint Der Bürger und seine Stimme, eine Sammlung von Reden, Aufsätzen und Kommentaren. Im gleichen Jahr, und im Zuge der Diskussion um den § 218, tritt der seit jeher kirchenkritische Grass aus der katholischen Kirche aus. Im Anschluss an die Indienreise, die er 1975 unternimmt, entstehen Lithographien und Gedichte, die ihn zu Mit Sophie in die Pilze gegangen inspirieren. Grass bekommt den Ehrendoktortitel der Harvard University verliehen und wird, gemeinsam mit Carola Stern und Heinrich Böll, Mitbegründer und -herausgeber der Zeitschrift L76; daneben ist er auch Mitbegründer des Autorenbeirats im Luchterhand Verlag. 1977 wird Der Butt vollendet. Ein Jahr darauf folgen wieder Reisen, diesmal nach Japan, Indonesien, Thailand, Hongkong, Indien und Kenia. Günter Grass wird mit der Alexander-Majkowski-Medaille ausgezeichnet und stiftet 1978 den Alfred-Döblin-Preis für unveröffentlichte Prosa, der seit 1981 alle zwei Jahre verliehen wird. Seine Ehe mit Anna wird geschieden; kurz darauf heiratet Grass die Organistin Ute Grunert. 1979 wird Die Blechtrommel von Volker Schlöndorff verfilmt; der Streifen wird mehrfach ausgezeichnet und erhält 1980 sogar den Oscar als bester fremdsprachiger Film.