Interpretation: Berlin Alexanderplatz

Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz ist nicht zuletzt wegen seiner radikalen Erzähltechnik in die Literaturgeschichte eingegangen. Er wird oft in einem Atemzug mit James Joyce' Ulysses genannt. In früheren Erzählungen und Romanen kündigt sich Döblins neuartige Collagetechnik zwar schon an, aber in Berlin Alexanderplatz bringt er sie zur Vervollkommnung. Er warf alle Fesseln des psychologischen Entwicklungsromans ab, unterbricht das Erzählkontinuum, bedient sich expressionistischer Vielstimmigkeit, verbindet Alltagsbeschreibungen mit der Beschreibung technischer Errungenschaften und der Wiedergabe von Berliner Statistiken. Er montiert unterschiedliche Stilebenen und Perspektiven aneinander, wechselt von der Hochsprache in den Berliner Jargon, arbeitet Schlagertexte, Bibelpassagen, Werbeslogans, Zeitungsberichte, Firmenprofile und Klassikerzitate ein. Der Leser ist pausenlos atmosphärisch dichten Monologen, Kommentaren, Berichten, Sprachverkürzungen ausgesetzt. Niemals verliert Döblin dabei den Blick auf seine Biberkopfgeschichte; immer wieder setzt er neu an, unterhält den Leser, verschafft ihm Ruhepausen. Alles wird perspektivisch gebrochen, nichts wird geradlinig erzählt. Er setzt sich über die Handlung hinweg, wenn er mäandernd mal von Hühnchen, mal von Schweinen, mal von Vögeln, dann von der Messe, der Hochbahn, dem Flugzeug erzählt. Der Leser erliegt Döblins Sprachgewalt und Fantasie, immer ist er gefordert, mitzudenken. Mal wird die Geschichte von einem auktorialen Erzähler gesteuert, mal aus Franz’ Perspektive geschildert. Nicht die Zerstückelung der Realität ist das Ziel Döblins, sondern im Gegenteil ihr innerer Zusammenhalt. In der Gleichzeitigkeit der Ereignisse zeigt er die universale Korrespondenz des menschlichen Daseins.

Döblins Duktus und Sprachrhythmus sind der Schnelligkeit des Großstadtlebens geschuldet. Er findet eine Sprache für den Bewusstseinsstrom Berliner Ausprägung, sodass man – wiederum an Joyce denkend – wünschte, jede Stadt hätte ihren Döblin. Er analysiert nicht nur das Einzelschicksal Franz Biberkopfs – obwohl er seine Figur herzlich liebt – sondern ihn interessiert das kollektive Geschehen, das Stadtleben. Sein Held, anfangs ein typischer Mitläufer und Wenigdenker, muss sich freimachen von seinem Milieu.

Döblin findet viele Wege, seine Leser immer wieder zum Lachen zu bringen, und immer wieder redet er dazwischen, mal ironisch, mal ernsthaft, die Handlung rückwirkend betrachtend, zukünftig vorwegnehmend: „Jetzt seht ihr Franz Biberkopf nicht saufen und sich verstecken. Jetzt seht ihr ihn lachen: Man muß sich nach der Decke strecken. Er ist in einem Zorn, daß man ihn gezwungen hat, es soll ihn keiner mehr zwingen, der Stärkste nicht. Er hebt gegen die dunkle Macht die Faust, er fühlt etwas gegen sich stehen, aber er kann es nicht sehen, es muß noch geschehen, daß der Hammer gegen ihn saust.“ (Einleitung zum sechsten Buch)