Das epische Theater

Im Frühjahr 1930 kommt es nach der Leipziger Uraufführung von Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny zu einem Skandal – das Publikum fühlt sich von dieser Dystopie der kapitalistischen Gesellschaft provoziert. Nichtsdestotrotz werden die Weillschen Lieder, wie bereits im Falle der Dreigroschenoper, zu einem Verkaufsschlager. In den Anmerkungen zu Mahagonny formuliert Brecht erstmalig seine Theorie vom epischen Theater, das ein auf dramatischen Bildern beruhendes Parabeltheater sein soll.

Kurz darauf inszeniert er am Berliner Theater am Schiffbauerdamm Marieluise Fleißers Pioniere in Ingolstadt. Daneben arbeitet Brecht an Der Jasager – ein Stück über das Einverständnis mit der eigenen Tötung. Nach der Uraufführung des Stücks verfasst er dessen Gegenentwurf Der Jasager und der Neinsager – ein Stück über das Weiter-Denken nach dem Ja-Sagen.

Im Dezember findet in Berlin die Uraufführung des nachmals meistdiskutierten Brechtschen Lehrstücks Die Maßnahme statt, ein Stück über revolutionäres Verhalten, das jede Betonung des Emotionalen verurteilt und schlussendlich die Tötung im Interesse der Revolution sanktioniert. Die Musik dazu liefert jetzt Hanns Eisler, überzeugter Marxist und Schüler Arnold Schönbergs.

Das Jahr 1931 beginnt mit der Filmpremiere der Dreigroschenoper. Ende des Jahres liegen dann Bühnenfassung und Druckmanuskript von Die Heilige Johanna der Schlachthöfe vor, das die Wandlung des Heilsarmeemädchens Johanna zur proletarischen Heldin vorführt.

1932 verschärft sich die politische Lage in Deutschland zusehends, was auch Brecht zu spüren bekommt, dessen Stücke immer öfter verboten werden. So wird Die Heilige Johanna der Schlachthöfe zwar bereits im April 1932 von Radio Berlin urgesendet, zur Uraufführung kommt es jedoch erst 1957 in Hamburg. Und der Film Kuhle Wampe wird gleich ganz verboten; nach einigen Protesten und Verhandlungen gelingt Brecht allerdings eine Uraufführung in Moskau.

Im Februar 1933 brennt der Berliner Reichstag – Brecht verlässt daraufhin mit seiner Familie Deutschland. Am 10. Mai brennen auch seine Bücher auf dem Scheiterhaufen vor der Berliner Oper.