Interpretation: Die Buddenbrooks

Der Philosophie Arthur Schopenhauers zufolge kann nur die Kunst vorübergehend Erleichterung von einer elenden Wirklichkeit verschaffen, in welcher der Mensch ansonsten zu lebenslangem Leid verdammt ist. Für die Figuren aus den Roman Buddenbrooks, in dem Thomas Mann die schopenhauersche These verarbeitet hat, ergibt sich durch diese Sehnsucht zur Kunst allerdings ein Problem: je mehr sie sich ihren künstlerischen Neigungen hingeben, um so deutlicher büßen sie ihre Geschäftstüchtigkeit ein. So hat der alte Konsul zwar ein kleines Harmonium in seinem 'Landschaftszimmer' stehen, das aber nur zu Dekorationszwecken dort aufbewahrt wird und dem Großvater keinesfalls den Scharfblick für seine Geschäfte trübt. Erst Christian Buddenbrook wird seinen Geschäftssinn gänzlich seiner Begeisterung fürs Theater opfern, und Hanno schließlich wird sich nur noch seinem Klavierspiel widmen und nicht einmal mehr dem Schulunterricht folgen können, geschweige denn eine Firma führen.

Der Sonderfall, an dem sich der Roman und das Schicksal der Familie entscheidet, ist Thomas Buddenbrook. An ihm wird die Ursache des Verfalls deutlich, den der Roman im Untertitel trägt. Thomas versucht sein ganzes Leben hindurch, der Familie und damit den Geschäften zu dienen. Er liebt die ätherische und künstlerisch veranlagte Gerda, ist jedoch auch stolz, ihr Vermögen als Mitgift der Familie zuführen zu können. Er widmet sein Leben ganz den allgemeinen bürgerlichen Vorstellungen von Erfolg, wird sogar Senator der Stadt Lübeck, stellt dann jedoch fest, dass ihm die Gradlinigkeit und die Selbstverständlichkeit fehlen, mit der sein Vater und sein Großvater die Geschäfte geführt haben. Nicht zufällig durch die Lektüre eines Textes von Schopenhauer entdeckt er seine grüblerische und feinfühlige Seite – und stürzt in eine tiefe Krise. Um das Familienunternehmen fortführen zu können, hat er seine Veranlagungen ein Leben lang unterdrücken müssen, und diese innerliche Zerrissenheit zwischen künstlerischer Empfindsamkeit und bürgerlichem Leistungsdenken kostet ihn die Gesundheit und schließlich das Leben. Thomas Buddenbrook erkennt für sich die Wahrheit hinter der Aussage, dass die Flucht aus der elenden Wirklichkeit nur über die Kunst möglich sei. Er ist allerdings im Rahmen seiner familiären und gesellschaftlichen Verpflichtungen dazu verdammt, sich der elenden Wirklichkeit dauerhaft zu stellen, und so kommt er darin um.