Interpretation: Der gute Gott von Manhattan

Das Hörspiel entsteht 1957 und wird Ende Mai 1958 gesendet. Es erhält 1959 den Hörspielpreis der Kriegsblinden. Es ist Ingeborg Bachmanns drittes und letztes Hörspiel und setzt die Themen aus Ein Geschäft mit Träumen von 1952 und Die Zikaden von 1955 fort. Wieder lotet die Autorin die Möglichkeiten und Unmöglichkeiten von Utopie aus. Kann es eine grenzüberschreitende Liebe geben? Gibt es utopisches Leben jenseits der Ordnung? In Der gute Gott von Manhattan wählt sie einen Grenzfall, wie sie selbst sagt, am Beispiel der Liebe zwischen Mann und Frau. Das Prinzip der Polyphonie als charakteristisches Stilmittel des Hörspiels zeigt sich deutlich in den intertextuellen Verweisen und den vielen Stimmen, die in diesem Hörspiel, teils anonym, auftauchen.

Jennifer und Jan lernen sich zufällig in New York kennen, es sind die 1950er Jahre. Auf der Insel Manhattan verbringen sie in leidenschaftlicher Liebe mehrere Tage im Hochsommer miteinander. Beide sind auf der Durchreise: Jan möchte nach Cherbourg zurück, Jennifer studiert in Boston Politikwissenschaften. Am Ende des ersten Tages – die beiden erkunden die Stadt – besorgt Jan ein Zimmer in einem Stundenhotel, Jennnifer lässt sich darauf ein. Auch die nächsten Tage flanieren sie durch die ihnen fremde Stadt, erkunden ihre Liebe zueinander und landen schließlich in immer höher gelegenen Hotelzimmern. Schließlich geht Jan los, um, wie er Jennifer sagt, seine Schiffspassage abzusagen, obwohl er weiß, dass er fahren wird. Ein Liebesverrat also, der ihn in eine Kneipe führt, in der er durch das Radio erfährt, dass in besagtem Hotel eine Bombe explodiert ist. Jennifer ist tot. Neben dieser in Rückblenden durch die beiden Liebenden erzählten Geschichte verläuft ein zweiter Erzählstrang: Der gute Gott von Manhattan steht vor Gericht und muss sich verteidigen. Er ist des Mordes an Jennifer angeklagt. Verbindungsfiguren zwischen den beiden Handlungssträngen bzw. den Figuren sind Eichhörnchen, die der gute Gott als seine Agenten und Spione bezeichnet. Dabei symbolisiert die Gottes-Figur nicht nur das allgemeingültige Ordnungsprinzip und damit das herrschende Gewaltverhältnis in einer patriarchalen Gesellschaft. Zugleich weiß er um die Unmöglichkeit, den Liebesanspruch der beiden in die Realität überführen zu können und will Jennifer deswegen vor der Tragik bewahren.