Interpretation: Malina

Ab 1962 beschäftigt sich Ingeborg Bachmann mit dem sogenannten Todesarten-Projekt, aus dem neben mehreren Fragmenten (Der Fall Franza, Requiem für Fanny Goldmann) der 1971 publizierte Roman Malina stammt. Bereits im Erscheinungsjahr erlebt der Roman vier Auflagen und wird zu einem Bestseller. Die Literaturkritik weiß mit ihm nicht so recht etwas anzufangen und reduziert ihn auf eine weibliche Innenschau.

Die Charakteristika des Romans sind seine Vielstimmigkeit, das Fehlen einer chronologischen Handlung, Elemente aus dem Schauer- und Kriminalroman, die Figurenzeichnung, dekonstruktive Verfahren bei den dargestellten Themen und der Schreibweise.

Einem Prolog folgen 3 Kapitel. Die Erzählstimme ist weiblich, es erzählt also ein weibliches Ich. Ihm zugehörig als alter ego ist Malina, die beiden bilden ein Zwitterwesen aus männlichen und weiblichen Anteilen, die nach der herrschenden Geschlechterordnung besetzt sind. Malina steht für Verstand und Intellekt, für Kühle, Distanz und Sachlichkeit, das Ich für Emotionalität, Leidenschaft. Die Autorin spielt hier mit dem Doppelgänger-Motiv. Dem Ich zugeordnet ist Ivan, der stürmisch und verzweifelt Geliebte, zum Erlöser stilisiert und reine Projektionsfläche für die Liebessehnsucht des Ich. Diese wird nicht erfüllt, denn Ivan verweigert sich diesen Ansprüchen. Die drei Figuren agieren nicht autonom, sondern sind in einem dichten, vielstimmigen Gewebe miteinander verbunden. Ingeborg Bachmann hat ihren Roman als 'Ouvertüre' bezeichnet, also als Auftakt für die weiteren geplanten Bände des Todesarten-Projekts. Sie wendet sich mit dem Montageprinzip (Telefonate, Briefe, Fragmente, Dialoge, Interviews, lange Traumsequenzen, Märchen) gegen die Gattungskriterien des Romans - Zeichen für ihr ästhetisches Programm und die Suche nach einer ‚neuen Sprache’. Fokus der Darstellung ist die Perspektive/Wahrnehmung des weiblichen Ich, das versucht, in Sprache zu kommen, zu sich selbst zu kommen. Entfremdung, Identitätsverlust, Zerstörung, Selbstverleugnung sind die Aspekte, die zum Tragen kommen. Es gibt keine Möglichkeit, sich gegen die männlich besetzte Herrschaft aufzulehnen, sich zu behaupten.