Biographie Wolfgang Borchert (Seite 11)

Noch einmal schafft Wolfgang Borchert es, einen kleinen Kreis von Menschen um sich zu versammeln: den erwähnten Theologen Cordes; den Studenten Georg Bier, seines Zeichens deutscher Emigrant und Sekretär im „Verband deutscher Akademiker in der Schweiz“, dessen Narben im Gesicht von einem Sprung durchs geschlossene Zugfenster herrührten, als er vor der Gestapo geflohen war; Dr. Henry Goverts; Dr. Carl Oprecht; die Familie Rudin, eine junge Graphikerin namens Sonja Hersperger; Professor Karl Würzburger sowie Frau Bürgi, eine Kunstsammlerin, die in Borcherts Krankenzimmer einige Bilder aus ihrer Klee-Sammlung aufstellt (ein Aufhängen von Bildern ist nicht gestattet).

Sonja Hersperger ist am 18. November 1947 Wolfgangs letzte Besucherin am Krankenbett; sie berichtet, dass er „schon ganz bleich und schwach in den Kissen [lag]. ... Ich war so erschrocken. Aber meine Augen müssen alles verraten haben. Er hielt meine Hand und bat mich, wiederzukommen.“

An diesem Tag bluten – wie schon im Oktober – die Venen seiner Speiseröhre wieder (Befund: „Blutung aus gestauten Ösophagusvarizen“). Die Blutung setzt sich trotz therapeutischer Maßnahmen fort mit der Folge, dass Wolfgang Borchert am 20. November 1947, morgens um 9.00 Uhr verstirbt.

Schwester Mina von der Pforte, die einzige Ordensschwester des Krankenhauses, von der Wolfgang sagte, dass „ihre Augen menschlich“ seien und sie mehr tue, „als man von ihr verlange“, schreibt, noch auf seinen Wunsch, an die Eltern, aber da ist er schon tot:

„Als ich um acht Uhr [am 20. November] nochmals zu ihm kam, hat er mich nicht mehr erkannt. ... Am Morgen war ich von sieben Uhr bis kurz vor Eintritt des Todes bei Ihrem lieben Sohne. Wir haben noch den Priester gerufen, der ihm den Segen gab und betete ... Ich habe ihrem lieben Sohne selbst das Totenhemd angezogen, mit Sorgfalt und Liebe im Gedenken an seine Mutter, die nicht bei ihm sein konnte ... Er machte sich so oft Sorgen um Sie beide. ... Er sagte: der letzte Winter war schwer, aber doch schön, denn wir waren doch zusammen.“

Am 24. November 1947 ist die Trauerfeier auf dem Hörnli-Gottesacker in Basel; 1948 wird seine Urne auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt.

Ein einziges Manuskript noch schrieb Borchert in der Schweiz, das berühmte Manifest „Dann gibt es nur eins!“ – eine „Kampfansage an den Krieg“ (Rühmkorf).

„Du. Mann an der Maschine und in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen, sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins: Sag NEIN!“

So beginnt diese leidenschaftliche und ergreifende „Kampfansage“. Alle Menschen will der Dichter mit diesem Text ansprechen – Angestellte, Fabrikbesitzer, Wissenschaftler, Pfarrer, Handwerker, Richter, die Mütter. Die vor allem. Keine Mutter soll mehr Kinder gebären, damit sie in Kriegen hingeschlachtet werden.

Man mag es als Borcherts Vermächtnis betrachten.

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