Biographie Wolfgang Borchert (Seite 4)

Mit Kritik, auch mit berechtigter, kann er nicht besonders gut umgehen. „Ein kurzer Rausch“ ist für ihn das Schreiben. Gedichte schreibt er seit seinem 15. Lebensjahr. „Der Einfall kommt, wird hingeschrieben und nicht mehr verändert. Ich brauche zu einem Gedicht kaum mehr Zeit, als nötig ist, die gleiche Menge Worte aus einem Buch abzuschreiben. Hinterher feilen oder verändern kann ich nicht ... Du fühlst sicher diese gewisse Oberflächlichkeit in meiner Arbeit, die keine Arbeit ist – höchstens ein kurzer Rausch“ (aus einem Brief).

Und in dem Text „Das ist unser Manifest“ (1947) aus der Sammlung „Nachgelassene Erzählungen“ findet sich – auf einer anderen Stufe geschrieben, nach durchlittenen Kriegserfahrungen, die alles Regelwerk in Frage stellt – eine provozierende Ablehnung aller Grammatik:

„Wir brauchen keine Dichter mit guter Grammatik. Zu guter Grammatik fehlt uns Geduld. Wir brauchen die mit dem heißen heiser geschluchzten Gefühl. Die zu Baum Baum und zu Weib Weib sagen und ja sagen und nein sagen: laut und deutlich und dreifach und ohne Konjunktiv. Für Semikolons haben wir keine Zeit und Harmonien machen uns weich und die Stilleben überwältigen uns: Denn lila sind nachts unsere Himmel. Und das Lila gibt keine Zeit für Grammatik, das Lila ist schrill und ununterbrochen und toll. ... Über unseren hingeworfenen Leibern die schattigen Mulden: die blaubeschneiten Augenhöhlen der Toten im Eissturm ... Lila ist nachts das Gestöhn der Verhungernden und das Gestammel der Küssenden. ...

Und die Nacht ist voll Tod: Unsere Nacht. Denn unser Schlaf ist voll Schlacht. Unsere Nacht ist im Traumtod voller Gefechtslärm. ...

Wovon unser Herz rast? Von der Flucht. Denn wir sind der Schlacht und den Schlünden erst gestern entkommen in heilloser Flucht. ... Horch hinein in den Tumult deiner Abgründe. Erschrickst du? Hörst du den Chaoschoral aus Mozartmelodien und Herms Niel-Kantaten*? Hörst du Hölderlin noch? Kennst du ihn wieder, blutberauscht, kostümiert und Arm in Arm mit Baldur von Schirach?“

Aus dem Krieg zurückkehrend, bleibt er sich treu, was die Beurteilung der Grammatik angeht. Doch: aus dem Krieg zurückkehrend, ist er nicht mehr derselbe, ist umgewandelt worden wider Willen; durch das erfahrene Leid haben sich andere Schleusen seiner Kreativität geöffnet.

____________

* Herms Niel [1888–1957], deutscher Komponist für Marschmusik, war während des Dritten Reiches u. a. Kapellmeister beim Reichsarbeitsdienst. Bei den Soldaten der deutschen Wehrmacht waren etliche seiner Marschlieder sehr populär.

Seiten