Interpretation: Der verwundete Sokrates

Mit dieser Wahrheit gilt es sich auseinanderzusetzen – der große Philosoph taugt überhaupt nicht zum klassischen Soldat im herkömmlichen Sinne, trotzdem kann er auf dem Schlachtfeld etwas bewirken, als er anfängt zu brüllen. Wie beim Schachspiel gilt auch im Kriege, dass eine gute Kriegsstrategie darin besteht, den Feind zu täuschen und zu überlisten. Und genau dies hat Sokrates getan – der Feind wird tatsächlich überlistet und das kriegsstrategische Ziel – der Sieg – ist damit erreicht. Und doch ist alles Farce, denn nicht kühle Berechnung stand hinter Sokrates’ Tat, sondern die schiere Verzweiflung eines gehunfähigen, angsterfüllten und übergewichtigen Amateursoldaten (der zufällig im zivilen Leben ein großer Philosoph ist) und der das große Glück hat, zur rechten Zeit berittene Kameraden neben sich auftauchen zu sehen. Der Sieg, das Ergebnis einer tapferen und strategisch ausgefeilten Kriegsführung, ist damit nichts weiter als die Summe aus Furcht und Glück; nachdem Furcht aber unberechenbar und Glück unkontrollierbar ist, ergibt sich der Sieg als Summe eher zufällig, und die vielgepriesenen Klischees wie Mut und Tapferkeit kommen in dieser zufälligen Summe nicht nur nicht mehr vor, sondern werden darüber hinaus durch dieses ebenso unerwartete und wie unspektakuläre Ende deutlich in Frage gestellt.

Sokrates selbst entlarvt den Krieg als „Bauernopfer“ im Kampf der Mächtigen um noch mehr Macht, in dem die Leidtragenden (die Soldaten) ihr Leben für fremde Interessen riskieren, oft unter dem abstrakten Deckmantel von Ehre und Vaterland, das es zu verteidigen gilt. Kriegsstrategien und all jene oft wohlklingenden Worte, die jedem Einzelnen auf dem großen Schachbrett der Schlachten eine wichtige Bedeutung zuweisen, werden als pure Heuchelei entlarvt, dienen sie doch lediglich dazu, die Haut der Oberen zu retten, die schließlich vom Krieg profitieren wollen, für die Durchsetzung dieses Zieles allerdings der anderen bedürfen. Daraus entsteht ein Spiel mit zwei gegensätzlichen Positionen: Der ‚menschliche Mensch’ (der einfache Soldat) hat Angst im Krieg, denn ihm droht der Verlust des eigenen Lebens; in seiner Verzweiflung flüchtet er sich oft in Aberglaube und Heldentum. Der ’unmenschliche Mensch“ (die Kriegsherren) schickt die Bauern voraus, den König (als Symbol für Kriegsherrentum und Machtgewinn) zu schützen und zu verteidigen – die Grundstrategie des Schachspiels.