Ungekürztes Werk "Schach von Wuthenow" von Theodor Fontane (Seite 38)

allemal versichert, Dir lügt der Spiegel. Es ist nur eines, um dessentwillen wir Frauen leben, wir leben, um uns ein Herz zu gewinnen, aber wodurch wir es gewinnen, ist gleichgültig.”

Victoire faltete das Blatt wieder zusammen. “Es rät und tröstet sich leicht aus einem vollen Besitz heraus; sie hat alles, und nun ist sie großmütig. Arme Worte, die von des Reichen Tische fallen.”

Und sie bedeckte beide Augen mit ihren Händen.

In diesem Augenblick hörte sie die Klingel gehen, und gleich danach ein zweites Mal, ohne daß jemand von der Dienerschaft gekommen wäre. Hatten es Beate und der alte Jannasch überhört? Oder waren sie fort? Eine Neugier überkam sie. Sie ging also leise bis an die Tür und sah auf den Vorflur hinaus. Es war Schach. Einen Augenblick schwankte sie, was zu tun sei, dann aber öffnete sie die Glastür und bat ihn, einzutreten.

“Sie klingelten so leise. Beate wird es überhört haben.”

“Ich komme nur, um nach dem Befinden der Damen zu fragen. Es war ein prächtiges Paradewetter, kühl und sonnig, aber der Wind ging doch ziemlich scharf ...”

“Und sie sehen mich unter seinen Opfern. Ich fiebre, nicht gerade heftig, aber wenigstens so, daß ich das Theater aufgeben mußte. Der Schal – in den ich bitte, mich wieder einwickeln zu dürfen – und diese Tisane, von der Beate wahre Wunder erwartet, werden mir wahrscheinlich zuträglicher sein als Wallensteins Tod. Mama wollte mir anfänglich Gesellschaft leisten. Aber Sie kennen ihre Passion für alles, was Schauspiel heißt, und so hab ich sie fortgeschickt. Freilich auch aus Selbstsucht; denn daß ich es gestehe, mich verlangte nach Ruhe.”

“Die nun mein Erscheinen doch wiederum stört. Aber nicht auf lange, nur gerade lange genug, um mich eines Auftrags zu entledigen, einer Anfrage, mit der ich übrigens leicht möglicherweise zu spät komme, wenn Alvensleben schon gesprochen haben sollte.”

“Was ich nicht glaube, vorausgesetzt, daß es nicht Dinge sind, die Mama für gut befunden hat, selbst vor mir als Geheimnis zu behandeln.”

“Ein sehr unwahrscheinlicher Fall. Denn es ist ein Auftrag, der sich an Mutter und Tochter gleichzeitig richtet. Wir hatten ein Diner beim Prinzen, cercle intime, zuletzt natürlich auch Dussek. Er sprach vom Theater – von was anderem sollt er – und brachte sogar Bülow zum Schweigen, was vielleicht eine Tat war.”

“Aber Sie medisieren ja, lieber Schach.”

“Ich verkehre lange genug im Salon der Frau von Carayon, um wenigstens in den Elementen dieser Kunst unterrichtet zu sein.”

“Immer schlimmer, immer größere Ketzereien. Ich werde Sie vor das Großinquisitoriat der Mama bringen. Und wenigstens der Tortur einer Sittenpredigt sollen Sie nicht entgehen.”

“Ich wüßte keine liebere Strafe.”

“Sie nehmen es zu leicht ... Aber nun der Prinz ...”

“Er will Sie sehen, beide, Mutter und Tochter. Frau Pauline, die, wie Sie vielleicht wissen, den Zirkel des Prinzen macht, soll Ihnen eine Einladung überbringen.”

“Der zu gehorchen Mutter und Tochter sich zu besondrer Ehre rechnen werden.”

“Was mich nicht wenig überrascht. Und Sie können, meine teure Victoire, dies kaum im Ernst gesprochen haben. Der Prinz ist mir ein gnädiger Herr, und ich lieb ihn de tout mon cœur. Es bedarf keiner Worte

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