Ungekürztes Werk "Schach von Wuthenow" von Theodor Fontane (Seite 42)
Ich wurde beständig an das Bild Albrecht Dürers erinnert, wo Pilatus mit Pistolenhalftern reitet, oder an ein ebenso bekanntes Altarblatt in Soest, wo statt des Osterlamms ein westfälischer Schinken in der Schüssel liegt. In diesem seinwollenden Lutherstück aber liegt ein allerpfäffischster Pfaff in der Schüssel. Es ist ein Anachronismus von Anfang bis Ende.”
“Gut. Das ist Luther. Aber, ich wiederhole, das Stück?”
“Luther ist das Stück. Das andre bedeutet nichts. Oder soll ich mich für Katharina von Bora begeistern, für eine Nonne, die schließlich keine war?”
Victoire senkte den Blick, und ihre Hand zitterte. Schach sah es, und über seinen faux pas erschreckend, sprach er jetzt hastig und in sich überstürzender Weise von einer Parodie, die vorbereitet werde, von einem angekündigten Proteste der lutherischen Geistlichkeit, vom Hofe, von Iffland, vom Dichter selbst, und schloß endlich mit einer übertriebenen Lobpreisung der eingelegten Lieder und Kompositionen. Er hoffe, daß Fräulein Victoire noch den Abend in Erinnerung habe, wo er diese Lieder am Klavier begleiten durfte.
All dies wurde sehr freundlich gesprochen, aber so freundlich es klang, so fremd klang es auch, und Victoire hörte mit feinen Ohren heraus, daß es nicht die Sprache war, die sie fordern durfte. Sie war bemüht, ihm unbefangen zu antworten, aber es blieb ein äußerliches Gespräch, bis er ging.
Den Tag nach diesem Besuche kam Tante Marguerite. Sie hatte bei Hofe von dem schönen Stücke gehört, “das so schön sei, wie noch gar keins”, und so wollte sie's gerne sehen. Frau von Carayon war ihr zu Willen, nahm sie mit in die zweite Vorstellung, und da wirklich sehr gekürzt worden war, blieb auch noch Zeit, daheim eine halbe Stunde zu plaudern.
“Nun, Tante Marguerite”, fragte Victoire, “wie hat es dir gefallen?”
“Gut, liebe Victoire. Denn es berührt doch den Hauptpunkt in unserer gereinigten Kürche.”
“Welchen meinst du, liebe Tante.”
“Nun den von der chrüstlichen Ehe.”
Victoire zwang sich, ernsthaft zu bleiben, und sagte dann: “Ich dachte, dieser Hauptpunkt in unserer Kirche läge doch nun in etwas anderem, also zum Beispiel in der Lehre vom Abendmahl.”
“O nein, meine liebe Victoire, das weiß ich ganz genau. Mit oder ohne Wein, das macht keinen so großen Unterschied; aber ob unsere prédicateurs in einer sittlich getrauten Ehe leben oder nicht, das, mein Engelchen, ist von einer würklichen importance.”
“Und ich finde, Tante Marguerite hat ganz recht”, sagte Frau von Carayon.
“Und das ist es auch”, fuhr die gegen alles Erwarten Belobigte fort, “was das Stück will, und was man um so deutlicher sieht, als die Bethmann würklich eine sehr hübsche Frau ist. Oder doch zum wenigstens viel hübscher, als sie würklich war. Ich meine die Nonne. Was aber nichts schadet, denn er war ja auch kein hübscher Mann, und lange nicht so hübsch als er. Ja, werde nur rot, meine liebe Victoire, so viel weiß ich auch.”
Frau von Carayon lachte herzlich.
“Und das muß wahr sein, unser Herr Rittmeister von Schach ist würklich ein sehr angenehmer Mann, und ich denke noch ümmer an Tempelhof und den aufrechtstehenden Ritter ... Und wißt ihr denn, in Wülmersdorf soll auch einer sein, und auch ebenso weggeschubbert. Und