Ungekürztes Werk "Schach von Wuthenow" von Theodor Fontane (Seite 48)
nur und rechne. Seit einiger Zeit weiß ich im voraus, an welchem Tag und bei welcher Gelegenheit er erscheinen wird. Er kommt immer, wenn etwas geschehen ist oder eine Neuigkeit vorliegt, über die sich bequem sprechen läßt. Er geht einer intimen Unterhaltung mit mir aus dem Wege. So kam er nach der Aufführung des Stücks, und heute kommt er nach der Aufführung der Schlittenfahrt. Ich bin doch begierig, ob er mit dabei war. War er's, so sag ihm, wie sehr es mich verletzt hat. Oder sag es lieber nicht.”
Frau von Carayon war bewegt. “Ach, meine süße Victoire, du bist gut, viel zu gut. Er verdient es nicht; keiner.” Und sie streichelte die Tochter und ging über den Korridor fort in den Salon, wo Schach ihrer wartete.
Dieser schien weniger befangen als sonst und verbeugte sich, ihr die Hand zu küssen, was sie freundlich geschehen ließ. Und doch war ihr Benehmen verändert. Sie wies mit einem Zeremoniell, das ihr sonst fremd war, auf einen der zur Seite stehenden japanischen Stühle, schob sich ein Fußkissen heran und nahm ihrerseits auf dem Sofa Platz.
“Ich komme, nach dem Befinden der Damen zu fragen und zugleich in Erfahrung zu bringen, ob die gestrige Maskerade Gnade vor ihren Augen gefunden hat oder nicht.”
“Offen gestanden, nein. Ich, für meine Person, fand es wenig passend, und Victoire fühlte sich beinahe widerwärtig davon berührt.”
“Ein Gefühl, das ich teile.”
“So waren Sie nicht mit von der Partie?”
“Sicherlich nicht. Und es überrascht mich, es noch erst versichern zu müssen. Sie kennen ja meine Stellung zu dieser Frage, meine teure Josephine, kennen sie seit jenem Abend, wo wir zuerst über das Stück und seinen Verfasser sprachen. Was ich damals äußerte, gilt ebenso noch heut. Ernste Dinge fordern auch eine ernste Behandlung, und es freut mich aufrichtig, Victoiren auf meiner Seite zu sehen. Ist sie zu Haus?”
“Zu Bett.”
“Ich hoffe nichts Ernstliches.”
“Ja und nein. Die Nachwirkungen eines Brust- und Weinkrampfes, von dem sie gestern abend befallen wurde.”
“Mutmaßlich infolge dieser Maskeradentollheit. Ich beklag es von ganzem Herzen.”
“Und doch bin ich ebendieser Tollheit zu Danke verpflichtet. In dem Degoût über die Mummerei, deren Zeuge sie sein mußte, löste sich ihr die Zunge; sie brach ihr langes Schweigen und vertraute mir ihr Geheimnis an, ein Geheimnis, das Sie kennen.”
Schach, der sich doppelt schuldig fühlte, war wie mit Blut übergossen.
“Lieber Schach”, fuhr Frau von Carayon fort, während sie jetzt seine Hand nahm und ihn aus ihren klugen Augen freundlich, aber fest ansah: “lieber Schach, ich bin nicht albern genug, Ihnen eine Szene zu machen oder gar eine Sittenpredigt zu halten; zu den Dingen, die mir am meisten verhaßt sind, gehört auch Tugendschwätzerei. Ich habe von Jugend auf in der Welt gelebt, kenne die Welt und habe manches an meinem eignen Herzen erfahren. Und wär ich heuchlerisch genug, es vor mir und andern verbergen zu wollen, wie könnt ich es vor Ihnen?”
Sie schwieg einen Augenblick, während sie mit ihrem Battisttuch ihre Stirn berührte. Dann nahm sie das Wort wieder auf und setzte hinzu: “Freilich, es gibt ihrer, und nun gar unter