Ungekürztes Werk "Schach von Wuthenow" von Theodor Fontane (Seite 55)
Balkenlage durchzogener Fachwerkbau, dem erst Schachs Mutter, die “verstorbene Gnädige”, durch ein Doppeldach, einen Blitzableiter und eine prächtige, nach dem Muster von Sanssouci hergerichtete Terrasse das Ansehen allernüchternster Tagtäglichkeit genommen hatte. Jetzt freilich, unter dem Sternenschein, lag alles da wie das Schloß im Märchen, und Schach hielt öfters an und sah hinauf, augenscheinlich betroffen von der Schönheit des Bildes.
Endlich war er oben und ritt auf das Einfahrtstor zu, das sich in einem flachen Bogen zwischen dem Giebel des Schlosses und einem danebenstehenden Gesindehause wölbte. Vom Hof her vernahm er im selben Augenblick ein Bellen und Knurren und hörte, wie der Hund wütend aus seiner Hütte fuhr und mit seiner Kette nach rechts und links hin an der Holzwandung umherschrammte.
“Kusch dich, Hektor.” Und das Tier, die Stimme seines Herrn erkennend, begann jetzt vor Freude zu heulen und zu winseln und abwechselnd auf die Hütte hinauf- und wieder hinunterzuspringen.
Vor dem Gesindehause stand ein Walnußbaum mit weitem Gezweige. Schach stieg ab, schlang den Zügel um den Ast und klopfte halblaut an einen der Fensterläden. Aber erst als er das zweite Mal gepocht hatte, wurd es lebendig drinnen, und er hörte von dem Alkoven her eine halb verschlafene Stimme: “Wat is?”
“Ich, Krist.”
“Jott, Mutter, dat's joa de junge Herr.”
“Joa, dat is hei. Steih man upp un mach flink.”
Schach hörte jedes Wort und rief gutmütig in die Stube hinein, während er den nur angelegten Laden halb öffnete: “Laß dir Zeit, Alter.”
Aber der Alte war schon aus dem Bette heraus und sagte nur immer, während er hin und her suchte: “Glieks, junger Herr, glieks. Man noch en beten.”
Und wirklich nicht lange, so sah Schach einen Schwefelfaden brennen und hörte, daß eine Laternentür aufund wieder zugeknipst wurde. Richtig, ein erster Lichtschein blitzte jetzt durch die Scheiben, und ein paar Holzpantinen klappten über den Lehmflur hin. Und nun wurde der Riegel zurückgeschoben, und Krist, der in aller Eile nichts als ein leinenes Beinkleid übergezogen hatte, stand vor seinem jungen Herrn. Er hatte, vor manchem Jahr und Tag, als der alte “Gnädge-Herr” gestorben war, den durch diesen Todesfall erledigten Ehren- und Respektstitel auf seinen jungen Herrn übertragen wollen, aber dieser, der mit Krist das erste Wasserhuhn geschossen und die erste Bootfahrt über den Sec gemacht hatte, hatte von dem neuen Titel nichts wissen wollen.
“Jott, junge Herr, sunst schrewens doch ümmer ihrst, o'r schicken uns Baarschen o'r den kleenen inglischen Kierl. Un nu keen Wort nich. Awers ick wußt' et joa, as de Poggen hüt Oabend mit ehr Gequoak nich to Enn' koam' künn'n. ‚Jei, jei, Mutter‘, seggt ick, ‚dat bedüt' wat.‘ Awers as de Fruenslüd' sinn! Wat seggt se? ‚Wat sall et bedüden?‘ seggt se, ‚Regen bedüt et. Un dat's man gaud. Denn uns' Tüffeln bruken't.‘”
“Ja, ja”, sagte Schach, der nur mit halbem Ohr hingehört hatte, während der Alte die kleine Tür aufschloß, die von der Giebelseite her ins Schloß führte. “Ja, ja. Regen ist gut. Aber geh nur vorauf.”
Krist tat, wie sein junger Herr ihn geheißen, und beide gingen nun einen mit Fliesen bedeckten, schmalen Korridor entlang. Erst in