Ungekürztes Werk "Die Leiden des Jungen Werthers" von Johann Wolfgang Goethe (Seite 55)

der wunderbaren Empfind- und Denkensart, die wir aus seinen Briefen kennen, und einer endlosen Leidenschaft, worüber noch endlich alles, was tätige Kraft an ihm war, verlöschen mußte. Das ewige Einerlei eines traurigen Umgangs mit dem liebenswürdigen und geliebten Geschöpfe, dessen Ruhe er störte, das stürmende Abarbeiten seiner Kräfte ohne Zweck und Aussicht drängten ihn endlich zu der schröcklichen Tat.

Am 20. Dez.

Ich danke Deiner Liebe, Wilhelm, daß Du das Wort so aufgefangen hast. Ja, Du hast recht: mir wäre besser, ich ginge. Der Vorschlag, den Du zu einer Rückkehr zu Euch tust, gefällt mir nicht ganz, wenigstens möcht ich noch gern einen Umweg machen, besonders da wir anhaltenden Frost und gute Wege zu hoffen haben. Auch ist's mir sehr lieb, daß Du kommen willst, mich abzuholen; verzieh nur noch vierzehn Tage und erwarte noch einen Brief von mir mit dem Weitern. Es ist nötig, daß nichts gepflückt werde, eh es reif ist. Und vierzehn Tage auf oder ab tun viel. Meiner Mutter sollst Du sagen: daß sie für ihren Sohn beten soll und daß ich sie um Vergebung bitte wegen all des Verdrusses, den ich ihr gemacht habe. Das war nun mein Schicksal, die zu betrüben, denen ich Freude schuldig war. Leb wohl, mein Teuerster. Allen Segen des Himmels über Dich! Leb wohl!

An eben dem Tage, es war der Sonntag vor Weihnachten, kam er abends zu Lotten und fand sie allein. Sie beschäftigte sich, einige Spielwerke in Ordnung zu bringen, die sie ihren kleinen Geschwistern zum Christgeschenke zurechtgemacht hatte. Er redete von dem Vergnügen, das die Kleinen haben würden, und von den Zeiten, da einen die unerwartete Öffnung der Türe und die Erscheinung eines aufgeputzten Baums mit Wachs­lichtern, Zuckerwerk und Äpfeln in paradiesische Entzückung setzte. »Sie sollen«, sagte Lotte, indem sie ihre Verlegenheit unter ein liebes Lächeln verbarg, »Sie sollen auch beschert kriegen, wenn Sie recht geschickt sind, ein Wachsstöckchen und noch was.« – »Und was heißen Sie geschickt sein?« rief er aus, »wie soll ich sein, wie kann ich sein, beste Lotte?« – »Donnerstagabend«, sagte sie, »ist Weihnachtsabend, da kommen die Kinder, mein Vater auch, da kriegt jedes das Seinige, da kommen Sie auch – aber nicht eher.« Werther stutzte! »Ich bitte Sie«, fuhr sie fort, »es ist nun einmal so, ich bitte Sie um meiner Ruhe willen, es kann nicht, es kann nicht so bleiben!« Er wendete seine Augen von ihr, ging in der Stube auf und ab und murmelte das »Es kann nicht so bleiben!« zwischen den Zähnen. Lotte, die den schröcklichen Zustand fühlte, worein ihn diese Worte versetzt hatten, suchte durch allerlei Fragen seine Gedanken abzulenken, aber vergebens. »Nein, Lotte«, rief er aus, »ich werde Sie nicht wiedersehn!« – »Warum das?« versetzte sie, »Werther, Sie können, Sie müssen uns wiedersehen, nur mäßigen Sie sich. Oh! warum mußten Sie mit dieser Heftigkeit, dieser unbezwinglich haftenden Leidenschaft für alles, das Sie einmal anfassen, geboren werden. Ich bitte Sie«, fuhr sie fort, indem sie ihn bei der Hand nahm, »mäßigen Sie sich, Ihr Geist, Ihre Wissenschaft, Ihre Talente, was

Seiten