Interpretation: Simplicissimus

Zu Beginn des fünften Buches unternimmt Simplicius, Besserung seines unchristlichen Treibens gelobend, mit Herzbruder eine Wallfahrt nach Einsiedeln. Schon als sie die Grenze zur Schweiz überschreiten, wähnen sie sich im Paradies: "Das Land kame mir so fremd vor gegen andern teutschen Ländern, als wenn ich in Brasilia oder in China gewesen wäre; da sahe ich die Leute in dem Frieden handlen und wandlen, die Ställe stunden voll Viehe, die Baurenhöf lieffen voll Hühner, Gäns und Enten, die Straßen wurden sicher von den Reisenden gebraucht, die Wirtshäuser saßen voll Leute, die sich lustig machten; da war ganz und kein Feind, keine Sorg vor der Angst, sein Gut, Leib noch Leben zu verlieren; ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und Feigenbaum, und zwar gegen andern teutschen Ländern zu rechnen in lauter Wollust und Freud, also daß ich dieses Land vor ein irdisch Paradies hielte [...]."

Ein Land im Frieden muss der seit Jahrzehnten kriegsgeplagten deutschen Bevölkerung tatsächlich so fremd erscheinen wie Brasilien oder China oder wie das Paradies selbst. Zwar hält die Bekehrung Simplicius' nicht lange an, und er verfällt wieder den alten Lastern, die Richtung ist jedoch nun gewiesen; der verkehrten Welt – ein Motiv der christlichen Askese – zu entgehen, gelingt nur, wenn man ihr gänzlich entsagt.

Die sich anschließende Continuatio, das sechste Buch des Romans, zeigt Simplicius als alleinigen Herrn über eine Südseeinsel, wo er sein einsiedlerisches Leben wieder aufnimmt, das er bereits ganz zu Anfang als unverständiger Narr beim Einsiedler im Wald geführt hat. Der Kreis schließt sich; einem holländischen Schiff, das zufällig anlegt, übergibt er seine Lebensaufzeichnungen.

"[...] ein ehrlich gesinnter christlicher Leser wird sich vielmehr verwundern und die göttliche Barmherzigkeit preisen wann er findet, daß so ein schlimmer Gesell wie ich gewesen, dannoch die Gnad von Gott gehabt, der Welt zu resigniern, und in einem solchen Stand zu leben, darinnen er zur ewigen Glori zu kommen, und die selige Ewigkeit nächst dem heiligen Leiden des Erlösers zu erlangen verhofft, durch ein seligs ENDE."

Dies sind seine letzten Worte. Simplicius bricht in dieser ersten deutschen Robinsonade in eine christlich bestimmte Utopie aus. Wiewohl sie Grimmelshausens christlicher Überzeugung entspricht, spürt er, wie literarisch unbefriedigend diese Lösung ist; in späteren Werken, vor allem im Springinsfeld und im wunderbarlichen Vogelnest, tritt Simplicius daher, nach Europa zurückgekehrt, wieder auf. Grimmelshausen konnte (und wollte) nicht ohne die Figur des Simplicius Simplicissimus auskommen.