Ungekürztes Werk "Das Wirtshaus im Spessart" von Wilhelm Hauff (Seite 25)
Bäume standen immer dichter, und ihm fing an, so zu grauen, daß er im Trab davonjagte, und erst, als er in der Ferne Hunde bellen hörte und bald darauf zwischen den Bäumen den Rauch einer Hütte erblickte, wurde er wieder ruhiger. Aber als er näher kam und die Tracht der Leute in der Hütte erblickte, fand er, daß er aus Angst gerade die entgegengesetzte Richtung genommen und statt zu den Glasleuten zu den Flößern gekommen sei.
Die Leute, die in der Hütte wohnten, waren Holzfäller: ein alter Mann, sein Sohn, der Hauswirt und einige erwachsene Enkel. Sie nahmen Kohlenmunkpeter, der um ein Nachtlager bat, gut auf, ohne nach seinem Namen und Wohnort zu fragen, gaben ihm Apfelwein zu trinken, und abends wurde ein großer Auerhahn, die beste Schwarzwaldspeise, aufgesetzt.
Nach dem Nachtessen setzten sich die Hausfrau und ihre Töchter mit ihren Kunkeln um den großen Lichtspan, den die Jungen mit dem feinsten Tannenharz unterhielten; der Großvater, der Gast und der Hauswirt rauchten und schauten den Weibern zu; die Burschen aber waren beschäftigt, Löffel und Gabeln aus Holz zu schnitzen. Draußen im Wald heulte der Sturm und raste in den Tannen; man hörte da und dort sehr heftige Schläge, und es schien oft, als ob ganze Bäume abgeknickt würden und zusammenkrachten.
Die furchtlosen Jungen wollten hinaus in den Wald laufen und dieses furchtbar schöne Schauspiel mit ansehen; ihr Großvater aber hielt sie mit strengem Wort und Blick zurück. »Ich will keinem von euch raten, daß er jetzt vor die Tür geht!« rief er ihnen zu. »Bei Gott, der kommt nimmermehr wieder, denn der Holländer Michel haut sich heute nacht ein neues G'stair (Floßgelenk) im Wald.«
Die Kleinen staunten ihn an; sie mochten von dem Holländer Michel schon gehört haben, aber sie baten jetzt den Ähni, einmal recht schön von jenem zu erzählen. Auch Peter Munk, der vom Holländer Michel auf der andern Seite des Waldes nur undeutlich hatte sprechen gehört, stimmte mit ein und fragte den Alten, wer und wo er sei.
»Er ist der Herr dieses Waldes, und nach dem zu schließen, daß Ihr in Eurem Alter dies noch nicht erfahren, müßt Ihr drüben über dem Tannenbühl oder wohl gar noch weiter zu Hause sein. Vom Holländer Michel will ich Euch aber erzählen, was ich weiß und wie die Sage von ihm geht.
Vor etwa hundert Jahren – so erzählte es wenigstens mein Ähni – war weit und breit kein ehrlicheres Volk auf Erden als die Schwarzwälder. Jetzt, seit soviel Geld im Lande ist, sind die Menschen unredlich und schlecht. Die jungen Burschen tanzen und johlen am Sonntag und fluchen, daß es ein Schrecken ist; damals war es aber anders, und wenn er jetzt zum Fenster dort hereinschaute, so sag' ich's und hab' es oft gesagt, der Holländer Michel ist schuld an all dieser Verderbnis.
Es lebte also vor hundert Jahren und drüber ein reicher Holzherr, der viel Gesinde hatte; er handelte bis weit in den Rhein hinab, und sein Geschäft war gesegnet, denn er war ein frommer Mann. Kommt eines Abends ein Mann an seine Tür,