Ungekürztes Werk "Das Wirtshaus im Spessart" von Wilhelm Hauff (Seite 39)
auf das Leben und Treiben der Menschen haben. Deine Mutter aber – sie ist jetzt zwölf Jahre tot –, deine Mutter glaubte so fest daran wie an den Koran; ja sie hat mir in einer einsamen Stunde, nachdem ich ihr geschworen, es niemand als ihrem Kind zu entdecken, vertraut, daß sie selbst von ihrer Geburt an mit einer Fee in Berührung gestanden habe. Ich habe sie deswegen ausgelacht – und doch muß ich gestehen, Said, daß bei deiner Geburt einige Dinge vorfielen, die mich selbst in Erstaunen setzten.
Es hatte den ganzen Tag geregnet und gedonnert, und der Himmel war so schwarz, daß man nichts lesen konnte ohne Licht. Aber um vier Uhr nachmittags sagte man mir an, es sei mir ein Knäblein geboren. Ich eilte nach den Gemächern deiner Mutter, um meinen Erstgeborenen zu sehen und zu segnen, aber alle ihre Zofen standen vor der Tür, und auf meine Fragen antworteten sie, daß jetzt niemand in das Zimmer treten dürfe; Zemira, deine Mutter, habe alle hinausgehen heißen, weil sie allein sein wolle. Ich pochte an die Tür – aber umsonst; sie blieb verschlossen.
Während ich halb unwillig unter den Zofen vor der Tür stand, klärte sich der Himmel so plötzlich auf, wie ich es nie gesehen hatte, und das Wunderbarste war, daß nur über unserer lieben Stadt Balsora eine reine blaue Himmelswölbung erschien; ringsum aber lagen die Wolken schwarz aufgerollt, und Blitze zuckten und schlängelten sich in diesem Umkreis.
Während ich noch dieses Schauspiel neugierig betrachtete, flog die Tür meiner Gattin auf; ich aber ließ die Mägde noch außen harren und trat allein in das Gemach, deine Mutter zu fragen, warum sie sich eingeschlossen habe. Als ich eintrat, quoll mir ein so betäubender Geruch von Rosen, Nelken und Hyazinthen entgegen, daß ich beinahe verwirrt wurde. Deine Mutter brachte mir dich dar und deutete zugleich auf ein silbernes Pfeifchen, das du um den Hals an einer goldenen Kette, so fein wie Seide, trugst.
›Die gütige Frau, von welcher ich dir einst erzählte, ist dagewesen‹, sprach deine Mutter; ›sie hat deinem Knaben dieses Angebinde gegeben.‹
›Das war also die Hexe, die das Wetter schön machte und diesen Rosen- und Nelkenduft hinterließ?‹ sprach ich lachend und ungläubig. ›Aber sie hätte etwas Besseres bescheren können als dieses Pfeifchen; etwa einen Beutel voll Gold, ein Pferd oder dergleichen.‹
Deine Mutter beschwor mich, nicht zu spotten, weil die Feen leicht erzürnt ihren Segen in Unsegen verwandeln.
Ich tat es ihr zu Gefallen und schwieg, weil sie krank war; wir sprachen auch nicht mehr von dem sonderbaren Vorfall bis sechs Jahre nachher, als sie fühlte, daß sie, so jung sie noch war, sterben müsse. Da gab sie mir das Pfeifchen, trug mir auf, es einst, wenn du zwanzig Jahre alt seiest, dir zu geben, denn keine Stunde zuvor dürfe ich dich von mir lassen. Sie starb.«
Hier ist nun das Geschenk«, fuhr Benezar fort, indem er ein silbernes Pfeifchen an einer langen goldenen Kette aus einem Kästchen hervorsuchte, »und ich gebe es dir in deinem achtzehnten, statt in deinem zwanzigsten Jahr, weil du abreist