Ungekürztes Werk "Das Wirtshaus im Spessart" von Wilhelm Hauff (Seite 47)

ebensogut der Kalif wie ein schmutziger Araber aus der Wüste sein, und es wächst Holz genug, um allen Menschen in und um Bagdad die Bastonade zu geben.«

So sprach der Kaufmann, und Said, sosehr ihn hin und wieder die Sehnsucht nach seinem Vater quälte, freute sich doch, Bagdad und den berühmten Harun al-Raschid zu sehen.

Nach zehn Tagen kamen sie in Bagdad an, und Said staunte und bewunderte die Herrlichkeit dieser Stadt, die damals gerade in ihrem höchsten Glanz war. Der Kaufmann lud ihn ein, mit in sein Haus zu kommen, und Said nahm es gerne an; denn jetzt erst, unter dem Gewühl der Menschen, fiel es ihm ein, daß hier wahrscheinlich außer der Luft und dem Wasser des Tigris und einem Nachtlager auf den Stufen einer Moschee nichts umsonst zu haben sein werde.

Den Tag nach seiner Ankunft, als er sich eben angekleidet hatte und sich gestand, daß er sich in diesem prachtvollen kriegerischen Aufzug in Bagdad wohl sehen lassen könne und vielleicht manchen Blick auf sich ziehe, trat der Kaufmann in sein Zimmer. Er betrachtete den schönen Jüngling mit schelmischem Lächeln, strich sich den Bart und sprach dann: »Das ist alles recht schön, junger Herr, aber was soll denn nun aus Euch werden? Ihr seid, kommt es mir vor, ein großer Träumer und denkt nicht an den folgenden Tag; oder habt Ihr soviel Geld bei Euch, um dem Kleid gemäß zu leben, das Ihr tragt?«

»Lieber Herr Kalum-Bek«, sprach der Jüngling verlegen und errötend, »Geld habe ich freilich nicht; aber vielleicht streckt Ihr mir etwas vor, womit ich heimreisen kann? Mein Vater wird es gewiß richtig erstatten.«

»Dein Vater, Bursche?« rief der Kaufmann laut lachend. »Ich glaube, die Sonne hat dir das Hirn verbrannt. Meinst du, ich glaube dir so aufs Wort das ganze Märchen, das du mir in der Wüste erzähltest, daß dein Vater ein reicher Mann in Balsora sei, du sein einziger Sohn und den Anfall der Araber und dein Leben in ihrer Horde und dies und jenes? Schon damals ärgerte ich mich über deine frechen Lügen und deine Unverschämtheit. Ich weiß, daß in Balsora alle reichen Leute Kaufleute sind, habe schon mit allen gehandelt und müßte von einem Benezar gehört haben, und wenn er nur sechstausend Tomans im Vermögen hätte. Es ist also entweder erlogen, daß du aus Balsora bist, oder dein Vater ist ein armer Schlucker, dessen hergelaufenem Jungen ich keine Kupfermünze leihen mag. – Sodann der Überfall in der Wüste! Wann hat man gehört, seit der weise Kalif Harun die Handelswege durch die Wüste gesichert hat, daß es Räuber gewagt haben, eine Karawane zu plündern und sogar Menschen hinwegzuführen? Auch müßte es bekanntgeworden sein; aber auf meinem ganzen Weg und auch hier in Bagdad, wo Menschen aus allen Gegenden der Welt zusammenkommen, hat man nichts davon gesprochen. Das ist die zweite Lüge, junger, unverschämter Mensch!«

Bleich vor Zorn und Unmut, wollte Said dem kleinen bösen Mann in die Rede fallen, jener aber schrie stärker als er und focht dazu mit den Armen.

»Und die dritte Lüge, du frecher Lügner, ist

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