Ungekürztes Werk "Das Wirtshaus im Spessart" von Wilhelm Hauff (Seite 52)
sich statt seines schönen Dieners unter die Tür gestellt und ausgerufen, aber niemand mochte bei dem alten, häßlichen Burschen kaufen. Da gingen zwei Männer den Basar herab und wollten für ihre Frauen Geschenke kaufen. Sie waren suchend schon einige Male auf und nieder gegangen, und eben jetzt sah man sie mit umherirrenden Blicken wieder herabgehen.
Kalum-Bek, der dies bemerkte, wollte es sich zunutze machen und rief: »Hier, meine Herren, hier! Was sucht ihr? Schöne Schleier, schöne Ware?«
»Guter Alter«, erwiderte einer, »deine Waren mögen recht gut sein, aber unsere Frauen sind wunderlich, und es ist Sitte in der Stadt geworden, die Schleier bei niemand zu kaufen als bei dem schönen Ladendiener Said. Wir gehen schon eine halbe Stunde, ihn zu suchen, und finden ihn nicht; aber kannst du uns sagen, wo wir ihn etwa treffen, so kaufen wir dir ein andermal ab.«
»Allah il Allah!« rief Kalum-Bek freundlich grinsend. »Euch hat der Prophet vor die rechte Tür geführt. Zum schönen Ladendiener wollt Ihr, um Schleier zu kaufen? Nun, tretet nur ein, hier ist sein Gewölbe.«
Der eine dieser Männer lachte über Kalums kleine und häßliche Gestalt und seine Behauptung, daß er der schöne Ladendiener sei; der andere aber glaubte, Kalum wolle sich über ihn lustig machen, blieb ihm nichts schuldig, sondern schimpfte ihn weidlich. Dadurch kam Kalum-Bek außer sich; er rief seine Nachbarn zu Zeugen auf, daß man keinen andern Laden als den seinigen das Gewölbe des schönen Ladendieners nenne; aber die Nachbarn, welche ihn wegen des Zulaufs, den er seit einiger Zeit hatte, beneideten, wollten hiervon nichts wissen, und die beiden Männer gingen nun dem alten Lügner, wie sie ihn nannten, ernstlich zu Leibe. Kalum verteidigte sich mehr durch Geschrei und Schimpfworte als durch seine Faust, und so lockte er eine Menge Menschen vor sein Gewölbe; die halbe Stadt kannte ihn als einen geizigen, gemeinen Filz, alle Umstehenden gönnten ihm die Püffe, die er bekam, und schon packte ihn einer der beiden Männer am Bart, als eben dieser am Arm gefaßt und mit einem einzigen Ruck zu Boden geworfen wurde, so daß sein Turban herabfiel und seine Pantoffeln weit hinwegflogen.
Die Menge, welche es wahrscheinlich gerne gesehen hätte, wenn Kalum-Bek mißhandelt worden wäre, murrte laut; der Gefährte des Niedergeworfenen sah sich nach dem um, der es gewagt hatte, seinen Freund niederzuwerfen; als er aber einen hohen, kräftigen Jüngling mit blitzenden Augen und mutiger Miene vor sich stehen sah, wagte er es nicht, ihn anzugreifen, da überdies Kalum, dem seine Rettung wie ein Wunder erschien, auf den jungen Mann deutete und schrie: »Nun, was wollt ihr denn mehr? Da steht er ja, ihr Herren; das ist Said, der schöne Ladendiener.«
Die Leute umher lachten, weil sie wußten, daß Kalum-Bek vorhin Unrecht geschehen war. Der niedergeworfene Mann stand beschämt auf und hinkte mit seinem Genossen weiter, ohne weder Schal noch Schleier zu kaufen.
»O du Stern aller Ladendiener, du Krone des Basars!« rief Kalum, als er seinen Diener in den Laden führte. »Wahrlich, das heiße ich zu rechter Zeit kommen; das nenne ich die Hand ins Mittel legen;