Ungekürztes Werk "Die Karawane" von Wilhelm Hauff (Seite 38)
ins Serail führte.
Sie waren in ein Zimmer gekommen, das schön ausgeschmückt war, worin sich aber niemand befand. »Chambaba oder wie du heißt, lieber Arzt«, sprach Thiuli-Kos, »betrachte einmal jenes Loch dort in der Mauer, dort wird jede meiner Sklavinnen einen Arm herausstrecken, und du kannst dann untersuchen, ob der Puls krank oder gesund ist.«
Mustafa mochte einwenden, was er wollte – zu sehen bekam er sie nicht; doch willigte Thiuli ein, daß er ihm allemal sagen wolle, wie sie sich sonst gewöhnlich befänden. Thiuli zog nun einen langen Zettel aus dem Gürtel und begann mit lauter Stimme seine Sklavinnen einzeln beim Namen zu rufen, worauf allemal eine Hand aus der Mauer kam und der Arzt den Puls untersuchte.
Sechs waren schon abgelesen und sämtlich für gesund erklärt, da las Thiuli als siebente »Fatme« ab, und eine kleine weiße Hand schlüpfte aus der Mauer. Zitternd vor Freude ergriff Mustafa diese Hand und erklärte sie mit wichtiger Miene für bedeutend krank. Thiuli ward sehr besorgt und befahl seinem weisen Chakamankabudibaba, schnell eine Arznei für sie zu bereiten.
Der Arzt ging hinaus, schrieb auf einen kleinen Zettel: »Fatme! ich will Dich retten, wenn Du Dich entschließen kannst, eine Arznei zu nehmen, die Dich auf zwei Tage tot macht; doch ich besitze das Mittel, Dich wieder zum Leben zu bringen. Willst du, so sage nur, dieser Trank habe nicht geholfen, und es wird mir ein Zeichen sein, daß Du einwilligst.«
Bald kam er in das Zimmer zurück, wo Thiuli seiner harrte. Er brachte ein unschädliches Tränklein mit, fühlte der kranken Fatme noch einmal den Puls und schob ihr zugleich den Zettel unter ihr Armband, das Tränklein aber reichte er ihr durch die Öffnung in der Mauer.
Thiuli schien in großen Sorgen wegen Fatme zu sein und schob die Untersuchung der übrigen bis auf eine gelegenere Zeit auf. Als er mit Mustafa das Zimmer verlassen hatte, sprach er in traurigem Ton: »Chadibaba, sage aufrichtig, was hältst du von Fatmes Krankheit?«
Chakamankabudibaba antwortete mit einem tiefen Seufzer: »Ach Herr, möge der Prophet dir Trost verleihen; sie hat ein schleichendes Fieber, das ihr wohl den Garaus machen kann.«
Da entbrannte der Zorn Thiulis: »Was sagst du, verfluchter Hund von einem Arzt? Sie, um die ich zweitausend Goldstücke gab, soll mir sterben wie eine Kuh? Wisse, wenn du sie nicht rettest, so hau' ich dir den Kopf ab!«
Da merkte mein Bruder, daß er einen dummen Streich gemacht habe, und gab Thiuli wieder Hoffnung.
Als sie noch so sprachen, kam ein schwarzer Sklave aus dem Serail, dem Arzt zu sagen, daß das Tränklein nicht geholfen habe. »Biete deine ganze Kunst auf, Chakamdababelda, oder wie du dich schreibst; ich zahl' dir, was du willst!« schrie Thiuli-Kos, fast heulend vor Angst, soviel Gold zu verlieren.
»Ich will ihr ein Säftlein geben, das sie von aller Not befreit«, antwortete der Arzt.
»Ja, ja, gib ihr ein Säftlein!« schluchzte der alte Thiuli.
Frohen Mutes ging Mustafa, seinen Schlaftrunk zu holen, und als er ihn dem schwarzen Sklaven gegeben und ihm gezeigt hatte, wieviel man auf einmal nehmen müsse, ging er zu Thiuli und sagte,