Ungekürztes Werk "Die Karawane" von Wilhelm Hauff (Seite 61)
silbernen Haken hing.
Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele kugelrunde farbige Lampen angezündet, welche die Nacht zum Tag erhellten. Am klarsten und vielfarbigsten strahlten sie aber im Hintergrund des Saales, wo die Sultanin auf einem Throne saß. Der Thron stand auf vier Stufen und war von lauterem Golde, mit großen Amethysten ausgelegt. Die vier vornehmsten Emire hielten einen Baldachin von roter Seide über dem Haupte der Sultanin, und der Scheich von Medina fächelte ihr mit einer Windfuchtel von Pfaufedern Kühlung zu.
So erwartete die Sultanin ihren Gemahl und ihren Sohn; auch sie hatte ihn seit seiner Geburt nicht mehr gesehen, aber bedeutsame Träume hatten ihr den Ersehnten gezeigt, daß sie ihn aus Tausenden erkennen wollte. Jetzt hörte man das Geräusch des nahenden Zuges; Trompeten und Trommeln mischten sich in das Zujauchzen der Menge; der Hufschlag der Rosse tönte im Hof des Palastes; näher und näher rauschten die Tritte der Kommenden; die Türen des Saales flogen auf, und durch die Reihen der niederfallenden Diener eilte der Sultan an der Hand seines Sohnes vor den Thron der Mutter. »Hier«, sprach er, »bringe ich dir den, nach welchem du dich so lange gesehnt.«
Die Sultanin aber fiel ihm in die Rede. »Das ist mein Sohn nicht!« rief sie aus. »Das sind nicht die Züge, die mir der Prophet im Traume gezeigt hat!«
Gerade, als ihr der Sultan ihren Aberglauben verweisen wollte, sprang die Tür des Saales auf, Prinz Omar stürzte herein, verfolgt von seinen Wächtern, denen er sich mit Anstrengung aller seiner Kraft entrissen hatte; er warf sich atemlos vor dem Throne nieder: »Hier will ich sterben! Laß mich töten, grausamer Vater, denn diese Schmach dulde ich nicht länger!«
Alles war bestürzt über diese Reden; man drängte sich um den Unglücklichen her, und schon wollten ihn die herbeieilenden Wachen ergreifen und ihm wieder seine Bande anlegen, als die Sultanin, die in sprachlosem Erstaunen dieses alles mit angesehen hatte, von dem Throne aufsprang. »Haltet ein!« rief sie. »Dieser und kein anderer ist der Rechte; dieser ist's, den meine Augen nie gesehen und den mein Herz doch gekannt hat!«
Die Wächter hatten unwillkürlich von Omar abgelassen, aber der Sultan, entflammt von wütendem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsinnigen zu binden. »Ich habe hier zu entscheiden«, sprach er mit gebietender Stimme; »und hier richtet man nicht nach den Träumen der Weiber, sondern nach gewissen, untrüglichen Zeichen! Dieser hier [indem er auf Labakan zeigte] ist mein Sohn, denn er hat mir das Wahrzeichen meines Freundes Elfi, den Dolch, gebracht.«
»Gestohlen hat er ihn!« schrie Omar. »Mein argloses Vertrauen hat er zum Verrat mißbraucht!«
Der Sultan aber hörte nicht auf die Stimme seines Sohnes, denn er war gewohnt, eigensinnig nur seinem Urteil zu folgen; daher ließ er den unglücklichen Omar mit Gewalt aus dem Saale schleppen. Er selbst aber begab sich mit Labakan in sein Gemach, voll Wut über die Sultanin, seine Gemahlin, mit der er doch seit fünfundzwanzig Jahren in Frieden gelebt hatte.
Die Sultanin aber war voll Kummer über diese Begebenheiten; sie war vollkommen überzeugt, daß ein Betrüger