Ungekürztes Werk "Hyperion" von Friedrich Hölderlin (Seite 84)

Glauben reicher! und so werd ich reicher werden und reicher an Glauben und am Ende wird mir alles Glaube sein.

Lieber! rief er, laß uns still sein, wo die Worte nichts helfen! laß uns männlich enden! Du verderbst die letzten Augenblicke dir.

Wir waren so dem Hafen näher gekommen.

Noch Eines! sagt' er, da wir nun bei seinem Schif­fe waren. Grüße deine Diotima! Liebt euch! werdet glücklich, schöne Seelen!

O mein Alabanda! rief ich, warum kann ich nicht an deiner Stelle gehn?

Dein Beruf ist schöner, erwidert' er; behalt ihn! ihr gehörst du, jenes holde Wesen ist von nun an deine Welt – ach! weil kein Glück ist ohne Opfer, nimm als Opfer mich, o Schicksal, an, und laß die Liebenden in ihrer Freude! –

Sein Herz fing an, ihn zu überwältigen und er riß sich von mir und sprang ins Schiff, um sich und mir den Abschied abzukürzen. Ich fühlte diesen Augen­blick, wie einen Wetterschlag, dem Nacht und To­tenstille folgte, aber mitten in dieser Vernichtung raffte meine Seele sich auf, ihn zu halten, den teu­ren Scheidenden und meine Arme zückten von selbst nach ihm. Weh! Alabanda! Alabanda! rief ich, und ein dumpfes Lebewohl hört ich vom Schiffe herüber.

Hyperion an Bellarmin

Zufällig hielt das Fahrzeug, das nach Kalaurea mich bringen sollte, noch bis zum Abend sich auf, nach­dem Alabanda schon den Morgen seinen Weg gegan­gen war.

Ich blieb am Ufer, blickte still, von den Schmer­zen des Abschieds müd, in die See, von einer Stunde zur andern. Die Leidenstage der langsamsterbenden Jugend überzählte mein Geist, und irre, wie die schö­ne Taube, schwebt' er über dem Künftigen. Ich woll­te mich stärken, ich nahm mein längstvergessenes Lautenspiel hervor, um mir ein Schicksalslied zu sin­gen, das ich einst in glücklicher unverständiger Ju­gend meinem Adamas nachgesprochen.

Ihr wandelt droben im Licht

  Auf weichem Boden, selige Genien!

    Glänzende Götterlüfte

  Rühren euch leicht,

    Wie die Finger der Künstlerin

  Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende

  Säugling, atmen die Himmlischen;

    Keusch bewahrt

  In bescheidener Knospe,

    Blühet ewig

  Ihnen der Geist,

    Und die seligen Augen

  Blicken in stiller

    Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,

  Auf keiner Stätte zu ruhn,

    Es schwinden, es fallen

  Die leidenden Menschen

    Blindlings von einer

  Stunde zur andern,

    Wie Wasser von Klippe

  Zu Klippe geworfen,

    Jahr lang ins Ungewisse hinab.

So sang ich in die Saiten. Ich hatte kaum geendet, als ein Boot einlief, wo ich meinen Diener gleich er­kannte, der mir einen Brief von Diotima überbrach­te.

So bist du noch auf Erden? schrieb sie, und sie­hest das Tageslicht noch? Ich dachte dich anderswo zu finden, mein Lieber! Ich habe früher, als du nachher wünschtest, den Brief erhalten, den du vor der Schlacht bei Tschesme schriebst und so lebt ich eine Woche lang in der Meinung, du habst dem Tod dich in die Arme geworfen, ehe dein Diener ankam mit der frohen Botschaft, daß du noch le­best. Ich hatt auch ohnedies noch einige Tage nach der Schlacht gehört, das Schiff, worauf ich dich wußte, sei mit aller Mannschaft in die Luft geflo­gen.

Aber o süße Stimme! noch hört ich dich wieder, noch einmal rührte, wie Mailuft, mich die Sprache

Seiten